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Geschichte Nummer 9

Großvater und Enkel

Es war ein überaus sonniger Sommertag Anno Siebzehnhunderteins, als George Cunningham, seines Zeichens Waltrantransporteur und Honiglieferant seiner Majestät, der Königin von Neu-Ragusa, am Hafenbecken der stolzen Handelsstadt, welche er seine Heimat nannte, entlang spazierte.
Er hatte erst vor wenigen Minuten eine seiner vor kurzem erworbenen Fleuten verlassen, auf welchem er ein herausragend gutes Walfischsandwich mit Nektarüberstrich genossen hatte - ein nicht zu verachtender Start in den Tag, wie er sich selbst versicherte, derweil er mit einem feinen, britischen Teetaschentuch sich die Reste von Gräten und Honigglasur vom Mund abputzte.
Manchmal hatte es Vorteile, gleichzeitig in der Lampenindustrie und Pralinenverarbeitung verwickelt zu sein.
Georges Anwesenheit in seiner Heimstadt hatte jedoch keinerlei wirtschaftliche Gründe. Vielmehr zeichnete sie sich durch einen Besuch bei der Verwandtschaft aus.
Um genau zu sein: den Besuch eines Verwandten.
Harold, welcher eigentlich Arnaldo hieß, und sein Großvater mütterlicherseits war, war der Urtyp eines unternehmungsfreudigen, raubeinigen alten Kauzes, welcher sich in den letzten Jahren aus den Geschäften verabschiedet, den Familienbetrieb weitergegeben, und sich zurückgezogen hatte. Allerdings hatte letzteres nichts mit einer gemütlichen Ruhesetzung innerhalb eines bequemen Altenheims oder auf der Veranda eines landschaftlichen Familiensitzes zu tun.
Harold zog es vor, das ganze Haus zu verbarrikadieren, die Fenster zu vernageln, äußerst perfide Fallen mit scharfen, pfeilspitzen Objekten zu versetzen und den Kamin zu verbauen, um niemanden rein zu lassen.
Vielleicht mochte diese Art der Rente gewöhnungsbedürftig sein, jedoch war sie Tatsache, wenn George auch etwas trübselig bei diesem Gedanken auf die anlegenden Handelsschiffe im Bassin sah, dem strahlend glänzenden Hafenkontor und den geschäftigen Karrenschiebern dort in diesem Moment nicht sehr viel abgewinnen konnte. Die Vorgänge am Kai erregten so wenig seine Aufmerksamkeit, wie die Dschunken aus Fernost oder die maroden Fischerhütten in der Nähe - seine Sorgen galten einzig und allein seinem Großvater, welchen er am heutigen Tag kurz besuchen, und mit ihm einen Spaziergang machen wollte, um ihn endlich aus seiner miefigen Hütte zu holen.
Es dauerte nicht sehr lange, da erreichte er auch gleich ein nobles Bürgerhaus am Wasser, welches jedoch schon bessere Tage gesehen hatte, verbaut und recht ausladend schien, mit mehreren Erkern, Schornsteinen und Auge fürs Detail, wenn auch in der Wahrnehmung des jungen George, der etwa sein dreißigstes Lebensjahr vollendet hatte, doch recht chaotisch schien. Etwas pikiert rückte er sich seine weiße Perücke zurecht, hielt sich sein Tuch an ein Fläschchen Parfüm, tupfte sich dann damit an die Nase, bevor er recht vornehm und zurückhaltend zur Türe vortastete, leicht klopfte.
Es dauerte etwas, bis ein Lebenszeichen aus dem Inneren kam. Derweil beobachtete George die vorzüglich angebrachten Schilder, welche die Fenster bedeckten, dazu die Aufschrift auf dem Fußabtreter, allesamt mit denselben Aussagen:

Max D. Sein Promenade, Hausnummer 1503-1602

Hausierer unerwünscht! Steckt euch euren Kram sonst wohin!
Gäste sind unwillkommen. Freunde sind unwillkommen. Familie ist unwillkommen. Lasst mich allesamt in Ruhe! JA, AUCH DU GEORGE!

Warum er wohl die letzten Letter groß geschrieben hatte?
Der Kaufmann zuckte nur leicht mit den Schultern, konnte sich keinen ernsthaften Reim auf die Aussagen machen, hörte dann ein Klicken hinter der Türe.
Gefolgt von einem weiteren.
Und noch eins.
Sowie einem ätzend metallischen Ton, der dem Aufschließen eines Panzerschrankes glich.
"Wie viele Schlösser hat der Greis denn?", hob Cunningham überrascht die Augenbraue, bevor mit einem Quietschen die Portalstüre langsam aufglitt, der Kaufmann erwartungsvoll die Hände faltete
Und dann sich mit einem Mal auf den Boden werfen musste, als eine dreifache Schießpulversalve ihm entgegen donnerte, eine davon seine wertvolle Perücke strich, eine Locke abfetzte und neben seinem kahl geschorenen Kopf auf der Schwelle auftraf.
Der überall am Körper zitternde Kaufmann sah nur zögerlich auf, bemerkte einen alten Herrn in abgetragener, fast anachronistisch wirkender Kleidung, welche mindestens aus den Anfängen des 17. - wenn nicht gar 16. - Jahrhunderts stammte, dessen faltigen Hände, an denen blaue Venen auf fleckiger Haut hervorstachen - und darin eine alte Muskete aus dem dreißigjährigen Krieg gelegen.
Lässig pustete er den Rauch vom Rohr davon, visierte den ungewollten Eindringling an, hielt ihm das Gewehr vor die Nase, ließ den Lauf klicken.
"Kannst du eigentlich lesen?", hörte George die dunkle Stimme des Greises, schaute etwas verängstigt in die grauen Augen desselben, dessen Stirnfalten zwar von Alter gezeichnet waren, sich aber der Gesamteindruck des Herrn trotzdem durch eine ungemein vitale Erscheinung auszeichnete.
Sehr zu Georges Missfallen, welcher auf das Schild hingewiesen wurde, welches er bis eben geflissentlich ignoriert hatte.
"Ich nahm an du meintest vielleicht einen anderen George"?, versuchte sich Cunningham herauszureden, während der Großvater das Rohr fest unter seinen Hals steckte, dessen Blick unnachgiebiger, fordernder wurde, der Ankömmling hilfloser wirkte. "Ich ich es war alles ein furchtbares Missverständnis!"
"Missverständnis, ja?", knirschte der Alte mit den Zähnen, ließ dann die Muskete sinken, knallte mit der Unterseite auf den Boden. "Das einzige Missverständnis war, so einen nichtsnutzigen Enkel wie dich zu haben. Aber was will man, heute ist ja die ganze Jugend so. Weicheier! Allesamt!"
Er lehnte sich an den Türrahmen, betrachtete George, der seine Perücke aufsetzte, etwas schief an, während er selbst nur Kopfschütteln übrig hatte.
"Perücken. Habe nie kapiert, wozu man die Dinger braucht. Wenn man Haare hat, lässt man sie sich wachsen, wenn nicht, trägt man einen Hut", zeigte sich der Großvater grantig. "Zu meiner Zeit war das anders.
"Du bist neunundneunzig Jahre alt", versuchte George einzuwenden, wurde aber vom Alten abgeschnitten.
"Ja, und daher trage ich einen Hut, verdammt!", deutete er auf seine Kopfbedeckung italienischen Stils, eine Hahnenfeder daran, verschränkte dann seine Arme. "Was willst du hier überhaupt? Ich werde nicht jünger, und habe Besseres zu tun!"
"Und was, wenn ich fragen dürfte?", wurde George etwas dreister, während sein Großvater wie eingeschnappt aussah.
"Ich spiele Karten - mit mir selbst", wandte er sich empört ab. "Das ist zumindest spannender, als mit meiner verkommenen Sippschaft abzuhängen."
"Ich wollte dich nur auf einen Spaziergang einladen", kürzte der Enkel ab, sah bereits den misstrauischen Blick des Alten.
"Mir geht es hier in meinen Wänden ganz hervorragend", wiegelte er ab. "Ich habe besten Tabak, Rum und Gewürze von den Südinseln, dazu meine Logbücher aus besseren Zeiten. Was will ich denn mehr?"
"Komm doch einmal aus deinem miefigen Haus heraus, Harold, ich "
"NENN MICH NICHT HAROLD!", fluchte der Alte sofort wieder, schnappte aufs Neue nach seiner Muskete, und hielt sie dem Kaufmann in prächtiger Tracht unter die Nase.
"In in Ordnung", jappte der nur, als er das Visier der unsicheren Waffe zwischen seinen Augen erblickte, glaubte, fast wieder ohnmächtig zu werden.
"Mein Name lautet Arnaldo Barbarigo, und meine Familie war ein stolzes venezianisches Geschlecht!", fuhr er ihn immer noch an, ließ nur leicht das Rohr sinken. "Der einzige Grund, warum ich deinem Vater damals meine Tochter gegeben hatte, war der Umstand, dass er Schotte war - die halten wenigstens das Geld zusammen!"
"So kann man es auch nennen ", rollte der Enkel ob des Schottenklischees die Augen, merkte, wie die Muskete wieder abdriftete.
"Also, sag’s noch mal!", forderte Arnaldo, hielt dem Enkel wieder das Rohr unter die Nase, sprach ganz langsam. "A-r-n-a-l-d-o!"
"Arnaldo ", gab der Schottensohn etwas unsicher von sich, sah bereits eine Musketensalve sein Herz durchschießen - und wirkte dann entspannter, als der Venezianer sachte die Waffe sinken ließ.
"Na also geht doch", sprach er etwas sanfter - und hob dann ruckartig wieder die Muskete an. "Aber wehe, du wagst es, mich Opa zu nennen!"
"Nein, niemals!", hatte George wie aufgeschreckt die Hände erhoben, wagte es nicht, sich nochmals zu rühren.
Arnaldo hingegen warf völlig uninteressiert die Muskete zurück in den Hintergrund, verursachte dabei ein schepperndes Geräusch wie in einer Küche, widmete sich dann geradezu liebevoll seinem Enkel.
"Aber sehr nett von dir, dass du mit mir einen Spaziergang machen willst"¸ äußerte er fast gerührt. "Irgendwie will mich keiner besuchen, und einladen tut mich auch niemand. Ich weiß nichtmals, wieso!"
"ähm ", hob George kurz die Hand, wollte einen berechtigten Einwand bringen, sah dann aber, wie der kauzige Verwandte wohl gerade nach dem Gehstock im Hintergrund griff, blickte dann zum Schottensohn.
"Ach ja. Warte, ich muss mich noch etwas frisch machen!", lächelte er, wandte sich kurz um, schnüffelte angestrengt zuerst unter seiner linken, dann unter seiner rechten Achsel, drehte sich dann wieder um zu George, der ihn etwas verwirrt anschaute.
"In Ordnung, ich bin fertig. Gehen wir!"
Sodann hob der ältere des ungleichen Duos den Gehstock, deutete in eine Richtung, und ging mit dem Enkel los.
"Und wehe, du schleppst mich mit in den Pavillon zu den alten Säcken, um Tauben zu füttern, ich bin nachtragend, was das betrifft!"

*

Großvater und Enkel schritten über die Hauptstraße der Stadt, wobei sich Arnaldo geradezu argwöhnisch umsah, zu den Palästen und den Aristokraten, welche davor mit ihren Gattinnen flanierten, letztere ihre bunten Sonnenschirme in der Luft tanzen ließen.
"Nur noch Aristokratenhäuser, wo man hinschaut!", beschwerte sich der Alte. "Es gibt keine Mittelschicht und keine Kaufleute mehr! Alle müssen sie Aristokraten werden! Pomade tragen, sich schminken und sich bunte Ballkleider anziehen!"
"Das ist eben der wirtschaftliche Aufstieg, Arnaldo", versuchte der Jüngere ihn zu beruhigen. "Du bist bestimmt doppelt so reich wie die alle zusammen. Warum baust du dir keinen Palast?"
"Palast?!", stockte dem alten Kaufmann der Atem. "Junge, als ich in deinem Alter war, da wurde nicht jeder einfach so vom Kaufmann Aristokrat. Da gab’s kein Aufsteigen. Höher als Kaufmann ging es nicht."
"Wie meinst du denn das?", konnte sich George gar nicht recht vorstellen, während Arnaldo eine weit ausholende Geste vollführte.
"Jeder hatte sein Viertel und basta. Da lebten die Adligen mit ihren Sonderwünschen, und wir Kaufleuten mit allem, was es gab. Ende", erinnerte sich der Venezianer an die gute alte Zeit, stolzierte an den eingebildeten Adligen vorbei, hob die Nase, als fühlte er sich als etwas Besseres. "Und ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern. Entweder kommt man durch Fleiß, oder durch Geburt nach oben - und ich bin stolz, den ersten Weg gegangen zu sein, als dass mein Hintern von vorne bis hinten gepudert wurde."
"Fast jeder ist heute Aristokrat, das gehört zum guten Ton", merkte Cunningham an, bekam aber nur eine grantige Antwort.
"Dafür sehen diese neuen Aristokratenhäuser alle gleich aus! Wie aus einem Guss! Nur noch Quadrate mit einem Loch drinnen, wo ein Innenhof steht!", ereiferte sich Arnaldo, deutete abfällig auf die neuartige Bauweise. "Früher gab es viele verschiedene Hausmodelle, ganz variationsreich und schön. Heute sieht doch jede Stadt gleich aus. Weißt du wie man das nennt? Plattenbauten!"
"Ach Arnaldo "
"Bring mich hier weg, bevor ich mich übergeben muss!", forderte der Alte, zupfte dem Jungen am Mantel, geradezu zänkisch - und sah dann einen nahen Pavillon zwischen Gartenhecken und Rosentoren. "Da! DA! Ein Pavillon! Schnell weg hier - bevor einer von diesen verdammten Pfauen auftaucht!"
"Was?"
"DU WEISST GAR NICHT, WIE WEH DAS TUT, WENN DIE ZUPICKEN!"
George wusste gar nicht mehr, wie ihm war, als der Greis geradezu übermenschliche Kräfte entwickelt hatte, ihn über die Flaniermeile davon riss, an den erstaunten Aristokraten, Müßiggängern und ewig gleichen Palästen vorbei - während ein paar verwirrte Pfauen die Köpfe erhoben, dem Duo mit schiefem Blick nachsahen.

*

"War hier eigentlich alles immer so bonbonfarben und kunterbunt?", vergewisserte sich Arnaldo, als er in einem anderen Teil der Stadt wieder zum Stehen gekommen war, die Umgebung auf ganz andere Art und Weise als früher wahrnahm.
"Och, bitte, fang doch nicht wieder von Neuem damit an", glaubte George heute schon mehrmals mit dieser Frage konfrontiert worden zu sein, während der Großvater mit seinem Stock auf die verschiedenen Häuser in der Umgebung deutete.
"Das ist doch unrealistisch!", erboste er sich. "Es sieht alles wie frisch angemalt und gerade renoviert aus, und es glänzt", betonte er angewidert, schüttelte seinen Kopf, schaute dann genauer hin. "Das ist zwar alles schön, aber früher gab es mehr Details, Verspieltheit und Realismus beim Gebäudebau. Scheint ja so, als ob die Architekten von den Aristokratenvillen überall zugeschlagen hatten!"
"Nun ja ", tippte der Enkel etwas verlegen mit den Spitzen der Zeigefinger aneinander.
"Wer soll das den glauben? Die Straßen sehen wie geleckt aus, im Wasser kann man sich spiegeln - ich komme mir eher vor wie in einem Gemälde, als wie zu Hause vor. Was haben die mit Neu-Ragusa gemacht?", hakte er nach, schaute seinen Enkel so kritisch an, als habe er dies selbst verschuldet.
"Na ja, das ist der neue Stil. Das neue Jahrhundert eben."
"Das neue Jahrhundert gefällt mir nicht", wusste Arnaldo bereits jetzt. "In jeder Straße gibt es Dreck, Staub, Schmutz, aber auch winzige Zusätze und unterschiedliche Dinge. Das hier ist doch kein Bilderbuch, sondern eine lebendige Stadt. Wäre genauso, als gäbe es auf dem Markusplatz keinen Taubenkot - wäre zwar erfreulich, aber nicht realistisch."
"Ich finde das alles sehr fortschrittlich", verteidigte Cunningham die Zustände. "Es unterstreicht ein reinlicheres, besseres Zeitalter."
"Wenn du in deiner Fantasiewelt leben möchtest - bitteschön", wiegelte der Venezianer ab, wandte sich dann einer freien Fläche zu, einem Platz mit allerlei Ziergegenständen, Brunnen und Denkmälern.
Zum ersten Mal war er bei diesem Anblick nicht grantig, schien geradewegs zufrieden mit dem Anblick zu sein, auch, wenn die ganzen Aristokraten dazwischen ihm ziemlich derbe auf den Keks gingen.
"Endlich mal etwas, das mir gefällt", sah der Herr seinen Kunstsinn befriedigt. "Kann mich an dieses ganze Zeug gar nicht erinnern."
"Entschuldige, Arnoldo, aber wann hast du eigentlich zuletzt deine vier Wände verlassen?", hakte George langsam nach, schien sehr vorsichtig zu sein.
"Keine Ahnung. Als ich aufgehört habe, zu arbeiten", meinte er wie nebenbei. "1679, so der Dreh."
"Du bist mehr als zwanzig Jahre nicht mehr aus deinem Haus gegangen?!", konnte es der Enkel nicht fassen, doch der Greis zuckte nur mit den Schultern.
"Warum, hat sich irgendwas Großartiges ergeben?"
"Dann weißt du es ja noch gar nicht", schluckte der Schotte kurz, schritt etwas zurück - was das Misstrauen des Großvaters weckte.
"Was weiß ich nicht?", wurde er etwas härter, woraufhin sich der Jüngere räusperte.
"Nun, hier, wo wir stehen, befand sich früher das Badehaus. Bevor es eben für diesen Platz abgerissen wurde", führte er aus, grinste dann Beispruch suchend.
Der Greis hingegen verzog die Miene, schaute dann etwas ungläubig, zugleich gereizt.
"Das Badehaus abgerissen?", wiederholte er.
"Ja", bestätigte Cunningham.
"Und wie - beim großen San Marco - waschen sich die Leute dann? OHNE Badehaus?", betonte der Greis, aber der Schotte wischte dieses Argument beiseite.
"Gar nicht. Das kann doch Cholera verursachen."
"IHR WASCHT EUCH NICHT MEHR?!"
"Was meinst du, wozu wir Parfüm eingeführt haben?", erwähnte George wie selbsterklärend, während der Großvater nochmals unter der eigenen Achsel roch.
"Santo Dio, da rieche ja selbst ich besser!", kam er zu seinem vernichtenden Urteil. "Kein Wunder, dass die Franzosen unbedingt diesen Ramschladen kaufen wollten."
"Wie meinen?"
"Komm mit", zog der Alte wieder einmal den Jüngeren weiter. "Allein der Gedanke ist ja widerlich. Wir gehen jetzt zum Hafen, da hat es mir immer am besten gefallen!"

*

Voller Freude vernahm der Venezianer nur wenig später am Hafenkai den salzigen Geruch des Meeres, welches die Erinnerungen an die letzte Hiobsbotschaft verblassen ließ. Er wirkte jetzt zufriedener, ausgeglichener, nahm eine ganze Nase voller Meeresluft, schwelgte dann beim Anblick der Schiffe in Erinnerungen.
"Früher, mein Junge, da gab es nicht nur große und kleine Kriegs- oder Handelsschiffe", gab er von sich, sah ihn dann skeptisch an. "Sondern auch mittlere. Kannst du dir das überhaupt vorstellen?"
"ähm ich glaube nicht", gab der Schotte zu.
"Hätte ich mir denken können", raunte der Venezianer daraufhin abfällig. "Weißt du, unsere Vorfahren, die kurvten hier Anfang des 16. Jahrhunderts herum, und daher stammt unsere Linie. Da gab’s noch Kolonien von uns hier, Mercoli zum Beispiel. Bis die verdammten Deichbewohner, diese Käsköppe, Anfang 1600 uns immer mehr verdrängten!", erboste er sich über den Verlust in der Geschichte, sah verbissen aufs Meer - und dann wieder zu George. "Aber soll ich dir sagen, was das größte Unheil ist?"
"ähm Engländer?"
"Nein!", brach der Großvater mittendrin ein, versetzte dem Enkel eins mit dem Gehstock, zog ihm diesen über den Latz. "Freie Händler! Immer und überall! Können alles kaufen, und alles verkaufen, wie sie wollen, unendlicher Vorrat - das ist doch keine Marktwirtschaft mehr. Wir Venezianer hatten ja schon Probleme, dass uns sofort die Städte einstürzten, wenn wir keine Nahrung mehr hatten - wobei ich diesen Wechselmechanismus nie verstehen werde - aber diese Kerle können sogar Aufträge verteilen. Und Waren VERSCHENKEN!"
"Alles wird gut, Arnaldo " hievte sich der zu Boden geschlagene Cunningham wieder auf, sah, wie der venezianische Ahne wild mit dem Gehstock rumfuchtelte.
"Nein, wird es nicht! Wer kauft denn noch beim Venezianer oder Holländer, wenn diese freien Kerle alles zu jedem Preis und in jeder Menge kaufen können!", sah der alte Kaufherr seine Existenz gefährdet.
"Nun, wenn die Stadtherren das nicht täten, fressen die Ratten die überschüssigen Vorräte "
"Ja, aber doch nur die Nahrung, ich meine, was ist mit Eisen, Waffen, Schmuck "
"Das fressen die auch", stellte George richtig - und erntete den verwunderten Blick des Großvaters.
"Du willst mich wohl verkohlen?", glaubte sich dieser in die Irre geführt. "Du willst mir doch nicht weismachen, dass eine Ratte eine Muskete fressen kann?"
"Na ja, bei einer Rattenplage schon", versicherte der Enkel ihm glaubhaft, weshalb Arnaldo kurz stockte.
"Lassen wir das", wollte er diesen seltsamen Faden nicht weiter verfolgen, lächelte dann versöhnlich. "Sprechen wir doch lieber über angenehme Dinge."
"Geld?"
"Genau!", frohlockte der Venezianer. "Wie geht es eigentlich der Gewürzflotte, die ich dir vermacht habe?"
"Gibt es nicht mehr."
"Schön zu hören, und wie viel Profit WAS?!", fiel der Großvater aus allen Wolken, krallte den Enkel am Kragen, sah ihm fast manisch in die Augen. "Was soll das heißen, „gibt es nicht mehr“?!"
"Es gibt keine Gewürze mehr, Arnaldo", brachte der Jüngere etwas krächzend hervor.
"Wie kann es keine Gewürze mehr geben?!"
"Gibt es 1701 eben nicht!"
"Was für eine Welt ist das eigentlich?!", konnte es Arnaldo nicht fassen, ließ den Enkel unsanft fallen, der sich fast erwürgt glaubte. "Mein Vater hat mit Gewürzen gehandelt, mein Großvater, mein Urgroßvater, unsere ganze Sippe, seit sie im Handelsregister 1503 eingetragen ist!"
"Gewürze sind doch total aus der Mode!", wandte Cunningham ein. "Genauso wie Scouts!"
"Es gibt auch keine Scouts mehr?!", glaubte sich der Venezianer in einem Alptraum.
"Jetzt mal ehrlich - wer hat die je von uns gebraucht?", verschränkte George die Arme selbstsicher.
"Und wie handelt ihr dann zu Land zwischen zwei Städten?"
"Brauchen wir nicht, wir fahren per Schiff einfach um die Insel. Ist doch dasselbe "
"Und was ist im Krieg, wenn ihr mittendrin Außenposten gründen müsst?", wurde die Frage des Alten schärfer - und die Antwort des Jüngeren etwas spärlicher.
"Nun, ähm "
"Aber wie findet ihr denn noch Ressourcen, wenn ihr das Gelände nicht mehr erkundet?", hatte Arnaldo schon die nächste Frage parat, bevor George nur antworten konnte - dafür jetzt um Einiges selbstsicherer schien.
"Wir fahren einfach an der Insel vorbei, und dann wissen wir es eben. Ganz einfach so."
"Ganz einfach so?"
"Ganz einfach so", bestätigte Cunningham.
"Wir mussten damals Bergsteiger losschicken, um Erz- und Goldadern ausfindig zu machen. Das geht nicht „einfach so“", hegte der Alte Zweifel an diesen ganzen Neuerungen, doch der Jüngere sah sich im Recht.
"Das ist eben automatisch. Wie die Handelsrouten. Da brauchst du auch keine Handelspunkte mehr zu setzen", hob er die Vorteile der neuen Zeit hervor - zum Schrecken des Verwandten.
"Du kannst auf der Handelskarte keine Punkte mehr setzen!?"
"Ja, praktisch, nicht, das wurde mit den vielen anderen Dingen wegrationalisiert. Damit es einfacher wird - außerdem gibt es jetzt auch nur noch maximal 20 verschiedene Handelsrouten, toll, was? Da bleiben auch die Schiffe nicht mehr wie früher an den Ecken hängen."
"Zwanzig Handelsrouten maximal?!", schnaufte der Greis wie bei einem Herzanfall durch.
"Hast du ein Problem damit?", verstand der Jüngere den Stress nicht, welcher keine anderen Umstände kannte, während Arnaldo energisch davon schritt.
"Kein Scout mehr! Entdeckungen „einfach so“. Keine Handelspunkte. ZWANZIG HANDELSROUTEN!", steigerte er sich in seine Wut hinein, brachte es dann auf den springenden Punkt: "Und vor allem: KEINE GEWüRZE!"
"Arnaldo?"
"Ich gehe jetzt zu den Hafenkontoren!", rief er dem Enkel zu. "Da muss es doch noch Scouts, richtige Handelskarten und Gewürze geben, das Zeug kann ja nicht einfach verschwinden!"
"Du meinst Kontor", verbesserte George ruhig.
"Ja, sag ich doch", sah der Großvater das Problem nicht. "Hafenkontoren."
"Nein, Kontor", betonte Cunningham. "Es gibt nur noch ein Kontor. Alles andere wurde wegrationalisiert. Zentralisierung nennt man so etwas, das macht alles besser!"
"Nur noch ein Hafenkontor?", blieb der Venezianer stehen, schaute sich dann ganz zaghaft um, das Gesicht grausam verzerrt. "Santo Dio, man braucht mindestens vier Kontore, für jede Spitze der Insel eines, damit die Waren aus jeder Himmelsrichtung schnell abgefertigt werden."
"Wie du merkst, geht es auch ohne, sonst ständen wir hier nicht, oder Arnaldo? ARNALDO!", sah er plötzlich den Greis davonlaufen, jagte ihm hinterher, rief dabei laut aus, als er ihm dicht auf den Fersen war. "Wo gehst du jetzt hin?!"
"Zum Marktplatz! Der Anblick eines einzelnen Kontors lässt mich an Suizid denken!", rief er wehleidig aus, fügte etwas fluchend vor sich hin: "Nur noch EIN Kontor! Ja, spinn ich denn?!"
"Und eine Anlegestelle "
"Steck dir das Ding sonst wohin!"

*

Der Venezianer erreichte als erster den Platz - und hielt erschrocken ein, als er sah, was in den letzten zwei Jahrzehnten an diesem Ort geschehen war.
Anklagend deutete er auf eine riesenhafte, gigantische Statue, welche die Marktstände, Häuser und sogar die nahe liegende Kirche überragte.
"Was ist das?", deutete der alte Kaufmann auf den Titanen, welcher mit seiner schauerlichen Größe dem alten Mann einen gehörigen Schrecken einjagte.
"Das? Oh, nur die Statue unseres Herrschers "
"Das Ding ist größer als die Kathedrale und der Universitätsturm zusammen!", erregte sich der Alte, schlug dann mit dem Stock auf den Boden. "Und überhaupt, wie sieht es denn hier aus? Wo sind die ganzen verschiedenen Marktstände? Die Halle? Die unterschiedlichen Plätze? Das ist der einfallsloseste Versammlungsort, den ich je in meinem Leben gesehen habe - und ich habe verdammt lang den Löffel in der Hand gehalten!"
"Vorgefertigtes Schema", beteuerte George. "Das nennt man Dorfzentrum."
"Dorfzentrum?", glaubte sich Arnaldo verhört zu haben. "Dorfzentren setzt man nicht, die gestaltet man!"
"Es ist viel einfacher und praktischer", behauptete der Schotte steif und fest.
"Tatsächlich? Soviel Platz, wie dieses hässliche, riesige Ding verbraucht, könnte man da auch eine Reihe Häuser oder Betriebe hinsetzen", konterte der Venezianer. "Wie unprofitabel. Wie viele von den Dingern habt ihr hier?"
"So drei "
"Drei?"
"Eigentlich vier. Aber das eine hat noch ein Blumenrondell!", fügte George trotzig hinzu.
"Ich will nicht wissen, wie viel Geld dieser Schund gekostet hat", ließ der Greis die Schultern hängen, bei dem Gedanken, was man seiner Stadt angetan hatte - und vor allem, was für ein Vermögen verprasst worden war!
Cunningham wirkte nicht so schlecht gelaunt.
"Kopf hoch, keine Sorge", beruhigte er ihn. "Wenn dem Stadtherrn das Geld ausgeht, kommt die Königin, und gibt ihm welches."
"Geld? Einfach so?", schien der Venezianer ungläubig.
"Ja, klar. So ein ausgeglichener Etat ist ja auch schwer. Wir wollen ja den Stadtherrn nicht überfordern "
"Stadtherrn überfordern?!", glaubte Arnaldo jetzt völlig der Kragen zu platzen. "Wenn jemand keine echte Stadt planen kann, dann soll er es sein lassen! Weißt du, was wir in Venedig mit solchen Scharlatanen gemacht haben? In die Bleikammern gesteckt, jawohl!"
"Aber man muss doch etwas sozial sein, ich meine, jeder macht doch Fehler", erwähnte der Jüngere voller Mitgefühl.
"Wenn man Mist gebaut hat, hat man Mist gebaut. Das ist das Leben. Wenn ich mein Unternehmen in den Sand setze, kommt auch kein netter Herr mit einem Geldkoffer, und hilft mir aus der Klemme - wenn, dann muss man sich aus dem eigenen Sumpf herausziehen, sonst ist man eben ungeeignet", kam der alte Haudegen zum eigenen Urteil.
"Wie ungerecht "
"Nein, das ist fair. Das ist übrigens der Grund, weshalb ich Republikaner bin - wer etwas kann, kommt hoch, wer nicht, hat Pech gehabt. Soll er eben Handwerker oder Katzenfriseur werden. Meinetwegen Pomadenhersteller - bei dem ganzen adligen Pack hier gäbe das ja reißende Absätze", wollte er gerade seinen Diskurs über die Dekadenz des beginnenden achtzehnten Jahrhunderts beginnen, wurde dann aber unterbrochen.
Arnaldo hatte heute viel erlebt. Aber was in diesem Augenblick geschah, das trat den Fass den Boden aus, ließ seinen letzten Glauben in die Menschheit verlieren.
"George?"
"Ja?"
"Was geschieht hier eigentlich?", vergewisserte sich der Greis, blickte missgünstig auf die Umgebung. Die Bewohner der Stadt wirkten geradezu aufgesetzt glücklich, freuten sich und tanzten, lachten und jubelten - und warfen sich vor die monströse Statue zu Boden, huldigten ihr und verehrten sie.
"Sie huldigen der Statue", wusste George schlau anzumerken.
Derweil der Alte kopfschüttelnd den Kommentaren der Einwohner zuhörte.
"Oh, wie glücklich bin!"
"Schaut, die Statue ist rot!"
"Jetzt ist sie golden!"
"Wie schön! Ich bin ja so freudig erregt!"
"Und ich so dick und fett und wohlgenährt, wie toll! Wir lieben unseren Herrscher."
Ein skeptischer Blick vonseiten des Großvaters traf den Enkel.
"Sag mal, du hast doch behauptet, hier gäbe es keine Gewürze mehr?"
"Ja. Sicher. Warum fragst du?"
"Weil ich mir ziemlich sind, dass die zumindest irgendwas genommen haben. Etwas, was ihnen nicht gut bekommt", schloss er. "Früher war mehr Lametta. Und es gab hier mehr österreicher. Das war viel lustiger."
"österreicher?!"
"Lange Geschichte", seufzte der alte Mann wie geschlagen durch, schaute dem Treiben zu. "Beten die das Ding eigentlich an?"
"Sie huldigen", hob George hervor.
"Also doch. Sollen sie doch in die Kirchen gehen, kann ich mir wenigstens den Anblick ersparen", wusste Arnaldo, ging in die andere Richtung, tippte mit dem Gehstock auf den immer gleichen Boden. "Lass mich mal zusammenfassen:
Alle leben auf demselben Standart, es ist so gut wie alles gleichgeschaltet und zentralisiert, die Freien Händler zerstören den freien Handel, wenn man pleite geht, bekommt man Geld vom Staat - und zuletzt wird einer großen Propagandastatue des Herrschers gehuldigt. Sagt dir das etwas?"
"Um ehrlich zu sein "
"Mich würde es nicht wundern, wenn hier irgendwo ein gewaltiges Plakat mit dem Konterfei der Königin hängen würde, in roten Lettern und einem ziemlich fragwürdigen, ideologischen Spruch, welcher oh", besann sich der Greis wieder, als er sich in der Stadt umschaute, tatsächlich ein großes Band über dem Schloss aufgezogen sah, welches nur wenig entfernt lag, darauf tatsächlich besagtes Aussehen, eine lächelnde Königin mit folgenden Worten:

Ausführung Des Fünf-Schmuckstück-Planes In Rekordzeit Zum Wohle Neu-Ragusas!

"Gut, das hatte ich übersehen", tadelte sich Arnaldo selbst, ging dann weiter über die Straße, in Richtung der alten Mole.
"Aber, du hast doch noch gar nicht alles gesehen, es gibt auch tolle neue Sachen, wie Logen ", versuchte der Enkel ihn zur Umkehr zu bewegen, doch der Großvater hob nur beim Wandern den Stock, als wollte er abwiegeln.
"Ich habe genug gesehen. Das ist nicht mehr meine Welt. Du kannst mir ja viel sagen, aber früher war alles besser!"
"Dann bleibst du auf ewig zurück geblieben!", rief ihm der Jüngere nach, doch den Greis scherte das nicht.
"Dann lebe ich eben lieber in der Vergangenheit, als in der Zukunft, lese in meinen Logbüchern und denen meiner Vorfahren, Rumbecher in der Hand, Gewürze in der Schale und mit Seekarten, auf denen ich meinen Routen selbst bestimmen kann!", hielt er ihm entgegen, entschwand dann am Ende der Straßen. "Machs gut, George Cunningham! Werd glücklich mit dem, was du hast - ich erfreue mich an dem, was ich habe!"
"Lebe wohl Harold", gab der Schotte etwas rührselig von sich, als er den Alten entschwinden sah, in der Richtung des aus seiner Sicht dreckigen, viel zu aufwendigen Hauses.
Das Brüllen war allerdings noch schmerzlich in seinen Ohren zu vernehmen.
"UND NENN MICH NICHT HAROLD!"
Cunningham befasste sich nicht weiter mit seinem kauzigen Verwandten, welcher schon an unzähligen Alterskrankheiten litt, unbelehrbar und stur war. Er wusste natürlich von all den Vorteilen der Neuen Zeit, den Errungenschaften des neuen Jahrhunderts, einfach alles, was der dumme Hornochse von einem rückwärtsgewandten Venezianer niemals verstehen würde.
Und er drehte sich um, und warf sich wie viele andere der Statue nieder, und huldigte wie die Masse, welche sich hier versammelt hatte, bis er nach wenigen Sekunden die Lust verlor - und wieder in See stach.
Arnaldo hingegen sollte an diesem Abend ein genüssliches Bad nehmen, sich
einen Kakao aufsetzen, sein Fleisch mit feinem Gewürz aus Ostindien anbraten,
an diesem Abend in den Logbüchern seiner Handelskompanie schmökern, und
das Vermächtnis der Alten durchkämmen, welche den Grundstein zu seinem Reichtum
gelegt hatten.
Und er sollte weitere neunundneunzig Jahre werden, und seinen Enkel überleben.

Und die Moral von der Geschichte? Lieber ein fehlerhafter, interessanter Kauz,
als ein oberflächlicher Besserwisser!

Autor: Marco D.

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