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Geschichte Nummer 8

Die Annowelt aus der Sicht einer Katze

Ich streife gerade so durch die Straßen am Stadtrand - bis ich am Ende der Gasse aufmerksam werde. Da, schon wieder diese Töle vom Kaufmann Schulz! Die letzte Begegnung habe ich schmerzlich in Erinnerung, alles tut mir noch weh, als mich dieser furchtbare Köter mit seinen spitzen Zähnen durch die ganze Stadt gejagt hat. Meine armen Gelenke und Knochen, das habe ich wirklich nicht verdient, wittere jetzt schon den widerlichen Geruch des großen Zotteltieres, welches der Kaufmann zur Warenwache gekauft hat.

Und wieder hat er es auf mich abgesehen, statt auf die Langfinger vom Hafen, die schon manche Kiste mitgenommen haben!
Aber diesmal nicht, diesmal bin ich schneller. Bevor der übergroße Flohbeutel mir auch nur zu nahe kommt, springe ich auf einen vorbeifahrenden Wagen, der in Richtung des Marktes ins Stadtzentrum fährt. Ha, ausgetrickst, ich sehe noch, wie der blöde Hund mir ungläubig nachsieht, während ich ihm entkommen bin.
Aber sicher bin ich noch nicht, der Fahrer darf mich nicht entdecken - weshalb ich, kaum auf dem Platz angekommen, schnell aus dem ratternden Karren springe.

Oh, hier riecht es aber gut. Ich hebe meine Nase in die Luft, wittere den Geruch frisch gefangenen Fisches, welcher der hiesige Fischer Welsch neben dem Makrelen- und Langustenstand entlädt. Helfer entladen die Kisten - und ich schleiche mich an das Geschehen, hoffe darauf, dass der grimmig schauende Fischer nur einmal nicht genau aufpasst, und ich ihm etwas von seinem Fang stibitzen kann.
Aber schade, er passt viel zu gut auf, wie einer der reichen Kaufleute auf seine Goldmünzen! Nicht einmal eine Sardine fällt ihm zu Boden, was für ein Geizhals. Ich habe doch Hunger, und er ist nicht einmal so warmherzig, mir nur etwas seiner Fracht zu geben, was für ein undankbarer Kerl! Und dabei knurrt doch mein Magen zu schrecklich, ich habe bestimmt schon seit heute Morgen nichts mehr gegessen - und das auch nur, weil ich bei der Weberei bei meinen Mauselöchern Glück hatte.

Vielleicht hilft es ja, wenn ich dem Jungen, der am Fischstand seinem Vater zur Hand geht, um die Beine streife und ihn lieb anmauze? Ja, vielleicht hat er ja Mitleid mit 
einer armen, hungrigen Katze, und schenkt mir einen von den köstlich riechenden Fischen! Ich schleiche mich also auf samtenen Pfoten an, versuche mich so friedlich und charismatisch wie möglich zu halten, meinen wehmütigsten und hilflosesten Blick aufzusetzen, nur, damit ich dieses eine Mal nicht leer ausgehe.
Doch bevor ich auch nur in die Nähe des Jungen komme, entdeckt mich sein grantiger Vater, und ehe ich mich versehe, versetzt er mir einen Tritt, flucht dabei wie ein zorniger Seebär. "Du räudige Katze, mach, dass du fort kommst! Hier gibt es nichts für dich, also verschwinde endlich, bevor ich dich als Köder beim Walfischfang einsetze!", schallt es mir nach, bringe mich mit eingezogenem Schwanz und unter lautem Fauchen in Sicherheit.

Als ich kurz nicht aufpasse, renne ich dabei der Wirtstochter Pauline vor die Füße, deren Vater Ahus schon in dritter Generation das Gasthaus am Hafen betreibt, und ein Treffpunkt für alle Einwohner ist. Aufgeschreckt will ich zuerst zurückweichen, aber sie sieht mich recht verständnisvoll an, bückt sich zu mir nieder und streichelt mich  ganz sanft. Einige Zeit verharre ich, vergesse die schmerzhafte Erfahrung am Fischstand, schnurre zufrieden.
Dieses Mädchen weiß, wie man sich mein Vertrauen verdient, und lieb ist sie auch noch.
"Was hat der böse Kerl da gerade nur mit dir gemacht?", spricht sie berührt zu mir, vernehme dabei ihre feine, samtene Stimme, welche ihren guten Charakter ergänzt.
Ich miaue noch einmal vor Schmerz auf, um ihr mein unverdientes Leid zu klagen, doch Pauline nimmt mich vorsichtig auf den Arm, wandert mit ihrer Hand über meinen Rücken, mustert mich dann sorgsam, ob ich auch nicht allzu schwer verletzt bin.
Sie lächelt mich kurz an, fasst dann einen Entschluss, während ihre Tonlage eine positive Stimmung annimmt.
"Dich nehme ich erst einmal mit zu mir nach Hause. Da kannst du dich neben dem Ofen erholen."

Also geht sie, mit mir auf dem Arm, zum Wirtshaus ihres Vaters, tritt durch eine feine Holztür in den Schankraum ein, welcher zu dieser Zeit völlig leer ist. Sie sieht sich um, ob jemand im Haus ist, setzt mich dann vorsichtig neben dem Ofen in einer Ecke ab.
"Bleibe schön da liegen!", ermahnt sie mich mit erhobenem Zeigefinger. "Ich schau mal in der Küche nach, ob ich etwas Leckeres für dich finde."
Wie lieb sie ist, denke ich bei mir, als ich ihr nachschaue, ganz anders als die Menschen zuvor, die ich getroffen habe. Sie kümmert sich so gut um mich, und es ist so schön, wenn sie mich am Hals krault - und jetzt gibt es auch noch etwas zu Fressen!

Doch kaum ist sie fort, ertönen Geräusche auf der Treppe, welche nach oben ins Obergeschoss führen, werden lauter, und plötzlich steht der Wirt Ahus vor mir. Er ist ein recht bulliger und stattlicher Mann, seine ärmel hochgekrempelt, trägt eine Schürze um die Taille- und ein kleines Rumfass auf seiner Schulter, welches er in den Schankraum trägt.
Als er mich aber sieht, lässt er letzteres fallen, schreit den ganzen Raum zusammen.
"Pauline! Wie kommt das Katzenvieh in mein Wirtshaus! Hast du sie angeschleppt?!"
Das Mädchen hört die Stimme ihres Vaters sofort, kommt eilig zurückgelaufen, während ich vor Angst zittere, fürchte, wieder hinausgeworfen zu werden - aber Pauline nimmt mich schnell in den Arm, hebt mich hoch, sieht dann zum strengen Vater, der sie misstrauisch ansieht.
"Ja, Vater", beginnt sie etwas eingeschüchtert. "Der böse Mensch vom Fischstand hat sie getreten, und sie hat fürchterlich geschrieen! Da konnte ich nicht anders, als sie mit hierhin bringen, damit sie sich ausruhen kann. Nur, bis es ihr wieder besser geht, und ich ihr etwas zu fressen geben kann."
Ahus aber bleibt streng, sieht mich mit gewölbten Augenbrauen an, scheint weder überzeugt, noch gewogen zu sein, mich hier aufzunehmen. Ganz deutlich kann ich seinen missmutigen Blick erkennen! "Gut, einen Tag kann sie bleiben", zeigt er sich zuerst einverstanden, wird dann dunkler. "Aber morgen früh ist sie fort von hier. Ich kann hier keine Katze gebrauchen, die den Gästen zwischen den Beinen herumläuft, Haare auf den Kleider der Kaufleute hinterlässt, oder an den Mänteln der Adeligen kratzt. Was denkst du denn, wer dann hier noch abends kommt?"
"Ja, Vater", antwortet Pauline etwas kleinlaut. "Morgen früh bringe ich sie weg. Versprochen."
"Gut. Dann halte dich auch daran - heute ist Ruhetag, da macht das nichts, aber danach keinen Tag länger", sieht sich der Vater nickend einverstanden, nimmt das Rumfass wieder hoch, und geht damit hinter die Theke.
Sie indes spricht ganz leise zu mir, als sich der Vater abgewandt hat.
"Was mache ich nur mit dir?", seufzt sie. "Ich würde dich so gerne behalten, aber Vater will es nicht. Dabei bist du doch so ein liebes Tier." Bei diesen Worten streichelt sie mir ganz sanft über den Kopf.
"Aber ich hole dir jetzt erst einmal etwas zu fressen", fügt sie noch hinzu, verschwindet dann in der Küche, bis sie kurz darauf mit einem Schälchen Wasser zurückkehrt und - ja und, und! - einem Teller mit einem riesigen Fisch dessen herrlicher Geruch bald den ganzen Schankraum eingenommen hat. Ich vergewissere mich, ob auch niemand in der Nähe ist, der mir diese Festspeise abspenstig machen kann - und stürze mich dann auf die Beute.
Genüsslich schlecke ich mir nach dem Mahl das Maul, koste noch einmal das Aroma, nachdem ich den Fisch bis auf die Gräten verspeist habe, wanke dann zufrieden hinter den Ofen. Wie nach großer Mühe strecke ich meine Glieder, lege mich dann zufrieden hin, und lasse mich mit den Gedanken an dieses schöne Mahl ins Reich der Träume gleiten…was für ein Tag!

Am nächsten Morgen kommt Pauline zu mir, nimmt mich auf den Arm, drückte mich ganz vorsichtig an sich und streichelt mich sanft, weckt mich dann mit ihren wohlklingenden Stimme, die bereits zu Musik in meinen Ohren geworden ist.
"Nun wird es Zeit, ich muss dich fort bringen", spricht sie etwas betroffen, denkt bereits jetzt an die Trennung - bis ihre Augen etwas heller leuchten.
"Ja", sagt sie zu sich selbst, "dies ist eine gute Idee."


Sie geht mit mir auf dem Arm aus dem Wirtshaus, und zusammen schlendern wir durch die Stadt. Wir kommen dabei an der Kirche vorbei, wo gerade der Herr Baron von Studnitz, einer der reichsten Männer der Stadt, mit seiner Familie zum Frühgottesdienst geht - zum Glück sieht er mich nicht, denn zuletzt war er sehr erbost darüber, als ich Zaunkönige in seinem Rosengarten jagte. Tatsächlich aber bemerkt mich keiner von den Familienangehörigen; und selbst ich werde abgelenkt, als die Menschenscharen plötzlich zunehmen, ich kaum noch etwas sehen kann außer Handwerkern, Marktfrauen und Kaufleuten, selbst Adlige kreuzen unseren Weg. Erst jetzt bemerke ich die riesenhafte Statue in der Nähe, welche von Brunnen umgeben ist, zwischen den Fontänen ein großer Vogel dazu. Die Menschen scheinen fröhlich und gut gelaunt, freuen sich und jubeln - selbst Pauline stimmt mit ein, äußert wie gut es ihr geht.
Was für ein seltsames Volk! Früher, als es nur Marktstände gab, da musste niemand mitten auf dem Platz anhalten, seine wohlgenährten Bäuche zeigen und unterstreichen, wie gut es ihm geht - erst, seitdem die Riesenstatue da ist, sind alle so ausgewechselt.

Aber die haben ja gut reden, deren Bäuche sind immer voll - und ich? Ich leide wie immer Hunger, mein Magen knurrt ganz deutlich zwischen all dem Treiben auf. Pauline scheint das gar nicht zu bemerken, ist immer noch fröhlich und lächelt - dabei wäre es mir viel lieber, sie ginge an einen der Stände, und kauft mir wenigstens einen kleinen, ganz kleinen Fisch!

Aber natürlich bleibt mir heute mal wieder nichts erspart, sehe stattdessen die verdammte Töle vom Kaufmann Schulz, welche wieder herumstreunt. Aber diesmal bin ich sicher, ich habe Pauline, schmiege mich dabei demonstrativ an sie, provoziere den Hund, indem ich ihn dabei fixiere, überlegen an ihm vorbeiziehe. Heute kann er mich nicht jagen!
"Bald sind wir da", spricht derweil das Mädchen zu mir, als wir die Schule passieren, vor welcher die Lehrerin, Fräulein Prim steht. Sie ruft die Kinder zum Unterricht herein, muss aber mal wieder drei Störenfriede ermahnen. Die drei Jungen sind immer noch in ihr Murmelspiel vertieft, anstatt zu folgen - und überhören die Lehrerin geflissentlich.

Auch am Haus des Medicus Badaere kommen wir vorbei, wobei Pauline auf ein sehr seltsames Gerät deutet, das an der Wand angelehnt steht.
"Er hat heute bestimmt nicht so viele Hausbesuche zu machen", sagt Pauline so vor sich hin. "Sein Zweirad steht vor der Haustüre."

Ein paar Häuser weiter, liegt der Duft von Fleisch in der Luft, der Wind treibt mir den Geruch geradezu in die Nase - und nur wenig später kommen wir am Metzger Merzbach vorbei, welcher ein beeindruckendes Stück Fleisch zerlegt. Mein Magen knurrt schon allein beim Gedanken an das feine Essen wieder, ich trachte danach, von Paulines Arm zu springen, um mir ein kleines Stückchen zu ergattern. Doch ehe ich soweit komme, bemerkt sie es, ihr Druck wird fester.
"Na, meine Kleine, wo willst du denn hin? Wir sind doch gleich da, noch ein bisschen Geduld."
Bemerkt sie denn nicht wie mein Magen knurrt?! Ich mauze laut auf, aber sie geht einfach unbeirrt weiter!

Wir gehen zwei Straßenkreuzungen weiter, kommen zum Stadtrand, wo ich bereits von weitem die Mühlräder erkennen kann, welche vor den weiten Kornfeldern der Bauern stehen.
Erst jetzt weiht mich Pauline in ihren Plan ein, lächelt wieder, als sie mit mir zu einem der großen Ungetüme geht, die sich in der Landschaft erheben.
"Nun sind wir gleich da, ich bringe dich zur Mühle vom alten Müller Mahlberg", lüftet sie das Geheimnis. "Er hat immer ärger mit den Mäusen, dafür bist du doch Spezialist, hier wirst du es bestimmt gut haben."
Kaum sind wir vor der großen Mühle angekommen, da bleibt sie stehen, schaut hinauf, hebt ihre Stimme an.
"Hallo!", ruft sie hoch. "Jemand zu Hause?"
Keinen Augenblick später sieht die Müllersfrau aus einem Fenster oberhalb, ist zuerst unsicher, bis sie das Mädchen erblickt, sie anstrahlt und sie herzlich grüßt:
"Hallo Pauline, schön dich wieder einmal zu sehen!", meint sie recht freudig. "Wie geht es dir, mein Kind? Warte, ich komme runter!"

Pauline erzählte der Frau des Müllers was am Tag zuvor geschehen war, wie schlecht mich der Fischer behandelt hatte, was für ein liebes Tier ich sei, und vor allem, dass ich doch hervorragend für die Mäuseplage eingesetzt werden könnte. Nachdem die Müllerin den ganzen Erzählungen gelauscht hatte, sieht sie zuerst sie, dann mich an.
"Ja Pauline, dass ist ja schlimm, so ein schlechter Mensch!", stimmt sie verärgert drein, sieht mich dann recht glücklich an. "Aber es ist eine gute Idee von dir sie hierher zu bringen, wo wir doch so einen ärger mit den Mäusen haben. Komm, lass sie laufen, damit sie gleich damit anfangen kann."

Ganz langsam lässt mich die Wirtstochter daraufhin auf dem Boden ab und streichelt mich noch einmal sanft, verabschiedet sich dann mit etwas Wehmut.
"Hier wirst du es bestimmt gut haben, und Mäuse zum fressen gibt es bestimmt auch genug", versucht sie sich ein gutes Gewissen einzureden und den Abschied einfacher zu machen. Wie zum Dank streife ich ihr daraufhin noch einmal um die Beine, als mein Jagdinstinkt losschlägt, ich glaube, da hat doch was geraschelt, schnell hin und nachschauen!
Pauline derweil ruft mir daraufhin gefasster nach: "Ich komme dich auch einmal 
besuchen, wenn Vater mich fort lässt."
"Kind, du bist jederzeit willkommen bei uns", wendet sich daraufhin die
Müllerin zum Mädchen, lädt sie ein, geht mit ihr in die Mühle.
"Komm doch mit in die gute Stube, da bekommt du von mir noch ein Glas Milch
und ein Stück von dem Kuchen, den ich gestern gebacken habe!"

"Ich kann nur noch sagen, ich lebe hier in einem Paradies! Ja wenn, wenn
da nicht die blöde Töle vom Schulz wäre, die ab und an hier herumstreunt."

Autor: Marion K. aus Rheinbach

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