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Geschichte Nummer 3

Schattenfeuer

Seid gegrüßt, Ihr Aufgeweckten und Lustigen, Ihr Begeisterten und Neugierigen, Ihr würdigen Alten und Ihr heißspornigen Jungen! Hört mir zu und lasst mich berichten, von Ereignissen aus längst vergangenen Zeiten. Lasst mich erzählen vom Leid und der Freude vom Schmerz und der Krankheit, von der Heilung, dem Feuer und vor allem von der Liebe.
Ein sehr, sehr alter Mann, der ehrwürdige Meister Amselm, erzählte mir davon, vor langer Zeit. Und er sagte, dass sein Großvater selbst es von einem alten Piraten gehört hatte, der zuletzt das Bein, ein Auge und die Zähne, niemals aber das Lachen verloren hatte, der davon berichtet hatte, als er selbst noch ein kleines Kind gewesen war. Und der Pirat habe Stein und Bein – und er wollte verdammt sein, wenn es nicht das gesunde gewesen wäre – geschworen, dass jedes Wort war. Denn er selbst hatte es miterlebt und bürge mit seinem Leben für die Wahrheit seiner Worte.
Verzeiht mir, ihr Edelmütigen, wenn meine Erzählung nicht ganz die Kraft der Worte erlangen kann, mit welcher Meister Amselm mir selbst die Geschichte einst weitergab, wenn hier und da der Glanz ein wenig verblasst, den nur der Meister in rechter Weise seiner Erzählung zu geben wusste. Aber auch wenn ich mich auf die Kunst nicht in gleicher Weise verstehe wie der Meister, so habe doch ich meine ganze Anstrengung darauf gerichtet, getreulich wiederzugeben, was er mir sagte, so dass, was ich Euch erzähle, die Wahrheit bleiben möge, für die der alte Pirat gebürgt.
Und so beginnt die Geschichte, von der Meister Amselm mir berichtete. Alles trug sich in den Kolonien der Königin zu, Anno Domini 1701. In dieser rauen Zeit, in der die Mühen und Sorgen der ersten Pioniere zu Wohlstand und Luxus geführt hatten und Neid und Missgunst zu ihnen traten und eine Neue Welt erschlossen wurde. Anno 1701.
"Heda, Wirt! Gebt mir einen vollen Krug! Und schenkt reichlich ein, denn ich war lange auf See. Viel habe ich erlebt, getrunken aber habe ich gar nichts. Und ihr wisst ja, ein durstiger Gast neigt dazu, zu verschwinden, hah, wenn es auch", ein herzhaftes Lachen erscholl "wenn es auch bei mir etwas länger dauern könnte, hah!" Dabei stampfte die Gestalt mit ihrem linken Holzbein so kräfig auf den Boden, dass die Tische wackelten. Eilig zapfte der Wirt ein Bier in einen besonders großen und guten Krug.
Das "Gasthaus", wie er seine Spelunke nannte, die so klein und schäbig war, dass nicht eine Karte sie verzeichnete, mochte aus zusammengezimmerten Dielen bestehen und voll von Staub und Ratten sein, die er immer sorgfältig von seinen Kunden zu unterscheiden wusste, aber es war seine eigene Taverne.
Und darauf war er stolz. Und wenn McDowell noch einmal so heftig mit seinem Holzbein aufstampfte, wusste der Wirt, würden die Wände nicht nur wackeln.
Eigentlich war McDowell eine Seele von Mensch. Er war der Kapitän eines der Handelsschiffe des Gouverneurs. Der Santa Barbara, um genau zu sein. Ein schönes Schiff. McDowell schwärmte immer davon, wenn die Rede darauf kam. Er liebte dieses Schiff. Wie die See. McDowell war ein raubeiniger Seebär, der von jeder Reise die tolldreistesten Abenteuergeschichten mitbrachte. Und er erzählte sie so spannend und aufregend, dass meistens alle "Gäste" bleiben wollten, bis sie auch die letzte gehört hatten.
Und genauso lange trinken sie natürlich auch, dachte sich der pfiffige Wirt. Also ein guter Grund, McDowell in Erzählstimmung zu versetzen und bei Laune zu halten.
"Alter Freund, nun setzt Euch doch erst einmal", sagte daher der Wirt übermäßig freundlich zu McDowell, streckte dem Kaptein den vollen Humpen in die eine und eine gestopfte Pfeife in die andere Hand. Dann schob er ihn förmlich zu einem Tisch der sich fast genau in der Mitte der Kaschemme befand, wenn diese überhaupt über solch feinen Luxus einer Mitte verfügte und rückte ihm geschickt einen Stuhl in die rechte Kniekehle, dass der Kaptein ohne jegliches eigenes Zutun plötzlich bestens versorgt am Tisch saß. Der ließ es sich gefallen, nahm einen kräftigen Schluck und rief:
"Also eins sag’ ich. Das war die letzte Ladung Rum, die ich aus Rendarenda hierher gefahren habe. Zwölf Wochen durch die Karibik, den schlimmsten Sturm und die größten Gefahren. Und an Bord 80 Tonnen vom feinsten Rum. Und man darf sich nicht den kleinsten Tropfen gönnen! Soll sich der feine Herr Gouverneur doch das nächste Mal selber auf ein Fass binden und herpaddeln, hahahaha!." "Oder er trinkt das Fass aus und paddelt ohne Fass her, so wie Du, Brian!" Ein gröhlendes Gelächter antwortete dem fein gekleideten, etwas schmächtigen, jungen Mann, der jetzt auf McDowell zuging und sich von ihm umarmen ließ.
"Wilbur, was für eine überraschung, ach was, was für eine Freude, Dich zu sehen. Was aus Dir geworden ist … tse, tse. Du siehst ja schon fast wie richtig erwachsen aus! Wolltest Du nicht zu dem Chinesen fahren, um dort Handelskontakte zu knüpfen? Wie hieß der Kerl noch? Piäng Pang oder so."
"Liang Wu, Onkel. Und Du solltest Dich hüten, dem ersten Stellvertreter des Kaisers einen falschen Namen zu geben. Du weißt doch, wie schnell er beleidigt ist und wie lange es dauert, ihn wieder milde zu stimmen."
"Erinnere mich nicht daran. Du weißt, ich war in der Zwickmühle, was hätte ich denn tun sollen?"
"Auf jeden Fall nicht auf das Handelskontor Liang Wus feuern!" erwiderte Wilbur prompt. "Obwohl ich auch in den letzten acht Monaten oftmals nicht übel Lust dazu gehabt hätte."
"Aah, die Chinesen darf man nicht so ernst nehmen.", meinte der Kaptein. "Außerdem ist Lisums Einfluss am kaiserlichen Hof ja glücklicherweise doch recht beschränkt. Sonst säße ich bestimmt nicht hier, sondern würde denen die Seidenraupen spinnen und das Geschirr porzelln. Ha, vestehst Du? ‚porzelln‘, wie Porzellan, nur anders. Hahaha. Na, darauf genehmige ich mir einen." Der Kapitän griff zum halbvollen Krug. Wilbur räusperte sich bedeutsam und meinte ganz ruhig: "Jetzt nicht mehr."
"Jetzt nicht mehr was?", fragte McDowell verständnislos und vergaß fast seinen Krug. Aber der Kaptein vergaß niemals seinen Krug. Also setzte er, "Jetzt nicht mehr." hin oder her, an und nahm einen so tiefen Zug, als wollte er Poseidons Meere verschlingen.
"Der Einfluss.", meinte Wilbur nur trocken, aber ein Anflug von Freud und Stolz huschten über sein Gesicht. Ein feinerer und weniger beschäftigter Geist als der des Kapteins hätte es vielleicht bemerken können und vielleicht sogar die Spur von Spott, die sich in Wilburs Mundwinkeln abzeichnete und den er anscheinend nicht ganz unterdrücken konnte.
"Der Einfluss Liang Wus", er betonte den Namen und sprach ihn noch chinesischer aus, als er eigentlich war, "ist inzwischen außerordentlich gewachsen. Er konnte dank meiner Hilfe seinen Handelsposten ausbauen und ist nun, wie ich schon sagte, der erste Berater des Kaisers. Und ich", fügte er hinzu und wuchs um zwei Fuß, "bin Liang Wus bester Berater."
Für einen Moment sah es so aus, als habe sich der Kapitän sich vorgenommen, mit einem halben Krug Bier im Mund, weit aufgerissenen Augen und einem Gesichtsausdruck, der sich zwischen Staunen, überraschung, Tadel, Jubel und blanker Komik nicht entscheiden kann, zu erstarren. Dann platzte ein lauter Schrei der überraschung und Begeisterung aus dem Mund des Kapteins, dem just in diesem Moment schmerzlich bewusst wurde, dass dieser ja noch mit Bier gefüllt war, das nun in einer munteren Fontäne quer durch den tavernösen Bretterverschlag spritzte. Andern Tags hätte er Tränen vergossen ob solch herben Verlusts, aber dazu wäre später ja noch genug Zeit.
"So, dann hast Du den alten Mäkelbruder rumgekriegt und wir haben den Handelsvertrag in der Tasche?", fragte der Kaptein und klopfte Wilbur wohlwollend und heftig Glück wünschend auf den Rücken.
"Nein, das leider nicht.", antwortete Wilbur und seine Mine fiel zusammen, wie ein aufgeblähtes Segel eines Schiffes, das in eine plötzliche Flaute gerät.
"Der Gouverneur hat leider andere Pläne. Du weißt vielleicht noch, dass Liang Wu ganz gut mit Jorgensen stand?"
"Dem dichtenden Notstand, der immer um diese Baronin herumschwänzelt und sich nicht traut der wandelnden Praline den Hof geschweige denn einen Antrag zu machen? Ja, das weiß ich wohl noch. Was ist mit ihm? Hat er etwa Hoang Ho ein Angebot gemacht, das er nicht ablehenen konnte? Also, zum Beispiel, aufzuhören zu dichten? Hahahahaha!"
"Nun Liang Wu hatte ihm ein Handelsabkommen zugesichert, als wir gezögert haben und …"
"Aber das hätten wir ihm doch leicht wieder abjagen können, oder? Bei Jorgensens schlechter Dichtkunst und bei Deinem … Charme …", schmunzelte der Kaptein und wog seinen Geldbeutel bedeutsam in der Hand. "Ich dachte immer die Chinesen verstehen etwas von Kunst."
"Ja, schon.", räumte Wilbur ein, dem es zusehends schwerer fiel, über das Thema zu reden. McDowell schaute ihn aufmerksam an. "Aber der Gouverneur wollte die Beziehungen zu Jorgensen nicht verschlechtern. Außerdem wollte er sich aus irgendeinem Grund unbedingt mit Tetonka verbünden.", seine Stimme brach "Wir werden wohl niemals eine Verbrüderung mit dem Chinesen eingehen."
Wilbur konnte sich eine kleine Träne nicht verdrücken, die unversehens frech über seine jugendliche Wange rann, bevor sie eilig weggewischt wurde. Aber nicht eilig genug für die erfahrenen Augen des Kapteins.
"Na, na, altes Haus.", rief der Kaptein und klopfte ihm tröstend auf die Schulter. "So schlimm ist das doch auch wieder nicht. Du hast dein diplomatisches Geschick bewiesen, den Auftrag des Gouverneurs erfüllt, den Chinesen zufriedengestellt, also was macht es, wenn aus dem Bündnis nichts wird, weil der Landesherr nicht mehr alle Murmeln in der Rübe hat. Gönn dir eine kleine Auszeit und freue Dich über die Erfolge, die Du erzielt hast. Setz Dich einfach auf die Veranda betrachte das Hin und Her der Wellen und Wolken und, vielleicht zündest Du Dir ein kleines Pfeifchen an und vergisst Deine Sorgen."
Ei, gar kein so übler Gedanke, dachte sich der Kaptein und zündete die Pfeife, die ihm der Wirt in die Hand gedrückt hatte, an und paffte ein paar lustige Wölkchen in die Luft. Dabei überlegte er. "Damals wolltest Du den Auftrag doch erst gar nicht annehmen, weil diese Chinesen so … Wie hast Du es noch gleich genannt? so ‚unendlich affektiert und eingebildet sind, dass sie sich selbst auf ihre Einbildung noch etwas einbilden.‘ Und dass sie sich alle dahin scheren könnten, wo der Pfeffer wächst. Du bist doch damals nur wegen seiner Tochter Liang Tian-Ko da hingegangen, nicht wahr?"
Wilbur hatte den Blick gesenkt aber als McDowell den Namen der Tochter des chinesischen Botschafters genannt hatte, hatte er unwillkürlich aufgesehen. "Aber das ist ja nun schon alles lange her und es gibt keinen …", McDowell paffte noch ein paar Rauchwölkchen in die Luft und plötzlich erhellten sich seine Züge und er stieß einen fröhlichen Pfiff aus.
"Ahh, … Halloo. So also steht die Sache." Der alte Kaptein lachte. "Wilbur Jason Meanweather hat sich also in eine asiatische Schönheit verguckt. Ja, ja, die Liebe. Ha. Daher also dein diplomatischer Erfolg."
"Das hat damit überhaupt nichts zu tun", verteidigte sich Wilbur. Und leise fügte hinzu "Im Gegenteil. Liang Wu weiß nichts von unserer Liebe und darf es nicht wissen. Er würde eine Verbindung zwischen uns niemals dulden, solange wir nicht seine Handelspartner sind. Tian-Ko und ich, wir mussten uns heimlich treffen. Niemand durfte etwas wissen, sonst hätte es bald der ganze Hofstaat gewusst und schließlich auch Liang Wu selbst. Vielleicht wäre ich schneller zu einer Einigung mit ihm gekommen, wenn ich mich bei meinen Besuchen mehr auf die Diplomatie konzentriert hätte.
Aber wie hätte ich das tun können? Sie war das einzige, worauf ich mich konzentrieren konnte. Sie ist ein Teil von mir geworden, nein warte, in dem Moment, in dem sie mir vorgestellt wurde, merkte ich, dass sie schon immer ein Teil von mir gewesen war. Ich war wie …, wie der Mond, der erfuhr, dass er nur der Sonne wegen scheint und sein Licht nichts als der Abglanz ihrer Leben spendenden Strahlen ist. Und immer wenn ich wieder zurück musste, wenn ich mit ihrem Vater verhandeln musste und auch jetzt, wo sie so weit weg ist, vermisse ich sie wie ein Schiff das Wasser, wie ein Tautropfen die Wolke aus der er stammt. Es gibt eine schöne Legende bei den Chinesen, die von einem solchen Tautropfen berichtet, der seine Wolke so sehr vermisst, dass er auf das Blütenblatt hinausrollt und darauf wartet, ja, sich danach sehnt, dass die heiße Sonne ihn verdampfen und wieder seiner Wolke wieder zuführen möge."
"Guter, alter Wilbur. Dich hat es ja kräftig erwischt.", meinte der Kapitän und lachte. "Obwohl mich das bei Deinem seltsamen Gespür für Romantik wirklich ein bisschen wundert. Aber sei es drum", setzte er schnell hinzu, um nicht auf den etwas beleidigten Blick Wilburs eingehen zu müssen "ich bin überzeugt davon, dass es für wahre Liebe immer einen Platz in dieser Welt gibt. Komm, lass uns darauf anstoßen. Auf die Schönheit unserer Herzen und den Sinn unseres Lebens. Auf die blinde Peinigerin unserer Seelen, die sie zum höchsten Glücke führt. Auf die Liebe. Möge sie uns ewig erhalten bleiben." McDowell hielt Wilbur seinen Krug hin und der stieß matt mit ihm an.
"Ja, auf Tian-Ko.", seufzte Wilbur. "Wenn ihr Vater nur seine Versprechungen nicht wahr macht und sie Jorgensen als Handelspartner zur Frau gibt, sozusagen als Geschenk."
"Als Geschenk?", brauste der Kapitän auf. "Um ihn fester an sich zu binden. Aber was für ein grausiges Schicksal. Stell dir vor, er hat 15 Töchter und ausgerechnet sie muss er Jorgensen versprechen. Es ist ohnehin schon ein schrecklicher Brauch, aber dann auch noch ausgerechnet …" Wilbur blickte McDowell verzweifelt an "Und Jorgensen tut so, als wäre er völlig begeistert von ihr und schreibt ihr Gedichte. Dabei hat er es doch eigentlich seit Jahren auf die von Thielen abgesehen."
"Nun, vielleicht hat es sich geändert und nun liebt er sie.", meinte der Kapitän "Nicht dass es die Sache für Dich oder für sie angenehmer machen würde, aber dann wüsstest Du sie vielleicht wenigstens in guten Händen. Ein ganz so übler Kerl ist er ja auch nicht." "Aber nein, er liebt sie nicht. Seine Gedichte sind … Tian-Ko hat es mir gesagt. Die Gedichte seien wie eine Lotusblume, die noch nie den Mond gesehen hätte. Schön, aber ohne Seele, bedeutungslos. Oh, sie hat eine so wundervolle Art, solche Dinge zu sagen."
Für einen kurzen Moment schloss Wilbur die Augen und war wieder am Handelsposten des Chinesen. Dort an dem kleinen Fluss unter dem alten Kirschbaum, wo sie sich in einem weißen Blütenmeer zum ersten Mal heimlich geküsst hatten und sich ihre Liebe gestanden hatten … "Heda, Wirt. Bringt uns noch zwei Bier. Und beeilt Euch. Durstige Gäste sind schlechte Gäste."
Das laute Rufen des Kaptein riss Wilbur aus seinen Träumen und Erinnerungen und führte ihn zurück in die schummrige Kate, die trübe Wirklichkeit, in der er kaum hoffen durfte Tian-Ko je wieder zu sehen. "Und nun stell Dir meine Lage vor, Onkel.", sagte er verzweifelt zu McDowell. "Wir könnten Jorgensen den Handelsvertrag mit dem Chinesen streitig machen und abjagen. Wir könnten. Aber der Gouverneur besteht darauf, dass wir mit dem Indianer einen Handelsvertrag abschließen, um Jorgensen, ausgerechnet Jorgensen, nicht zu verschrecken. Und ich werde sie wohl nie wieder sehen."
"Der Narr. Der Chinese läge doch auch viel näher, als der Indianer und zu ihm hätten wir auch schon gute Beziehungen, beste, wenn ich Dich richtig verstanden habe." zwinkerte McDowell Wilbur zu, "Und wir müssten sie nicht erst aufbauen." In seiner Aufregung wurde McDowell immer lauter "Wir sollten nehmen, was wir kriegen können. Der Gouverneur ist ein Idiot, wenn er eine solche Gelegenheit verstreichen lässt. Und für diese Adelsfuzzis ist doch das eine exotische Dingsbums genauso gut wie jedes andere exotische Dingensbumens." "Ist es nicht.", erschallte es affektiert von einem der anderen Tische. "Und er", fügte der schmächtig wirkende, übermäßig gepuderte Aristokrat hinzu, der es für unnötig hielt sich umzudrehen oder gar aufzustehen, "er sollte seine Beleidigungen sorgfältiger wählen, sowohl in Bezug auf fremde Völker wie die Chinesen und Bessergestellte wie mich als auch in Bezug auf seinen Auftraggeber und Regenten wie dem von uns allen so geschätzte Gouverneur. Denn er sollte wissen, solange seine üble Rede amüsant bleibt, hat er sich am meisten vor seiner eigenen Ungeschicklichkeit und Grobschlächtigkeit zu fürchten. Aber der Witz, guter Mann," nun wandte sich der junge Adlige doch McDowell zu und sah ihn an, wie einen Hund, den er für sein falsches Benehmen tadelte und zurechtwies, "der Witz ist wie das Leben einer guten Beleidigung. Er sollte jenes nicht verlieren, versteht er mich?, um auch dieses behalten zu können."
"Der Gouverneur weiß ganz genau, was ich von ihm denke und halte und dass das nicht das schlechteste ist. Besonders im Vergleich zu seiner Entscheidung, sich mit Leuten zu umgeben, die keinen Finger rühren, es sei denn, dass irgendetwas verteilt wird und verlangt wird, dass man sich meldet." "Sei er auf der Hut, Herr Kapitän. Unsere Geduld und unser Wohlwollen können dort sehr jähes Ende finden, wo unsere Langeweile beginnt. Und in der Tat werden wir weniger von einem ungehorsamen Hund, als von einen euresgleichen gelangweilt, der es wagt, uns herauszufordern."
"Das wollen wir doch mal sehen. Ich werde …"
"Erstmal meine Pfeife zu Ende rauchen, mich wieder beruhigen und weder Euch weiter die gute Laune verderben, noch mir selbst, nicht wahr, Onkelchen?", fiel Wilbur diplomatisch dem heißblütigen Kaptein ins Wort. Auch ohne seine Belehrung wusste McDowell, dass er sich mit keinem Adligen ernsthaft anlegen durfte. Auch wenn er vor langer Zeit so sein Schiff vom Gouverneur bekommen hatte. Der hatte ihn mit seinem Holzbein glatt für einen Piraten gehalten und aus der Stadt hinaustreiben wollen. Damals, als der Gouverneur selbst noch ein einfacher Siedler war. Ha, er ist ja ein kluger Mann, der Gouverneur, aber ich glaube, er hält mich noch immer für einen Piraten. McDowell musste lachen bei dem Gedanken, wie sich der Gouverneur jeden Tag über seinen holzbeinigen Kapitän den Kopf zerbricht. Der Adlige vom Nebentisch lächelte amüsiert. Er denkt wohl, dass ich seinetwegen lache. Zu seinem
privat-persönlichen Vergnügen, dachte sich McDowell. Der Gedanke belustigte ihn noch viel mehr und je mehr er darüber lachte, umso mehr freute sich der Adlige, was wiederum McDowell belustigte, dem sein herzliches Lachen bald die Tränen in die Augen trieb.
Als er sich wieder ein bisschen beruhigt hatten, schaute sich McDowell um. Es war schon etwas merkwürdig, überhaupt einen Aristokraten in dieser Bruchbude zu finden. Sonst "nehmen wir den Tee, wie immer im grünen Salon", dachte er sich. Die feinen Pinkel. Sonst sind hier eigentlich nur die, die sich nichts besseres leisten können, die Leute, die die ganze Arbeit machen. Seemänner, wie er selbst, Marktkarrenfahrer, Holzfäller, Fischer und Schäfer. Hin und wieder ein paar Bürger und natürlich die Kaufleute, die hier ihre "Vorverhandlungen" führen und Leute anwerben, für den Warentransport anheuerten.
Siedler verirrten sich selten in dieses "verruchte Sündenbabel". Und die Pioniere? McDowell dachte zurück an seine eigene Zeit als Pionier. Alkohol trinken. In einer Hafenspelunke. Ha! Dafür hätte er damals gar nicht die Zeit gehabt. Es gab immer so viel zu tun und die kleinste vollendete Aufgabe hatte ihn mit Stolz, Freude und Zufriedenheit erfüllt. Und alle haben einander geholfen und waren zufrieden damit, andere Menschen in der Nähe zu haben, ein Dach über dem Kopf gegen die Kälte und einen halben Laib Brot im Haus gegen den Hunger. Wie einfach war doch das Glück manchmal gestrickt. Aber das war alles schon lange her. Jetzt saß er hier in der Kneipe und würde von seinen Reisen und Abenteuern erzählen. All diesen Menschen. Dem Bauern am Ecktisch. Dem Marktkarrenfahrer, der gerade hereinkam, dem Siedlern, der in aller Stille scheu sein Bier trank, dem jungen Bürger, der noch über seinen Büchern brütete, ja, von ihm aus auch diesem eingebildeten Affen von Aristokraten. Aber diese schwarzgewandete Gestalt, drüben am Ecktisch, kam ihm schon seltsam vor. Der Fremde hatte sich an diesen ungeliebten Tisch in der hintersten Ecke verdrückt und schien verdächtig verdächtigend in jeden Winkel der Kneipe zu spähen.
Ach., was solls, dachte sich McDowell, nahm den Krug dankbar aus der Hand des Wirts, ersetzte den verjubelten Verlust und machte sich daran, zu erzählen, wie er von einem Seeungeheuer angegriffen wurde, dass dreieinhalb mal so lang, viermal so hoch und bestimmt dreihundert Mal so schwer gewesen war, wie sein eigenes Schiff, und wie er es mit einem Trick ins flache Gewässer gelockt hat und dort tollkühn zugeritten hat, so dass es das Schiff ein paar gute Meilen hatte ziehen können, bis sie eine Meerjungfrau erblickten, deren Anblick dem Ungeheuer das Herz schmelzen ließ, so dass es auf den Grund des Ozeans sank. Und wie sie sich die Haare kämmte und sang und fast so schön war, wie der Spiegel der See, wenn die Sonne aufgeht …
Es war still im Amtssitz des Gouverneurs. Gouverneur Andrew mochte die Stille nicht sehr. Stille bedeutet Tod. Er mochte es, wenn die Leute tanzten, grölten und schrien vor Freude. Wenn sie ausgelassen, wenn sie euphorisch waren. Das war mehr nach Andrews Geschmack. Das war Leben. Zu gerne hätte er sich zu ihnen gesellt. Er schaute durch die hohen Fenster sehnsüchtig auf den fernen Marktplatz, auf dem die Bürger seiner kleinen Stadt vor der Statue, die golden in der frühen Nachmittagssonne funkelte und strahlte, jubelten und tanzten. Wo sie klatschten, Besorgungen machten, wo sie die albernsten und überflüssigsten Sachen taten und sagten. Wo er nicht sein durfte. Denn der Gouverneur hatte Sorgen. Sorgen von denen das Volk nichts wissen durfte. Hätte einer von ihnen Einblick in die Lager der Stadt – oh, er durfte nicht daran denken. Und das Gold? Er ging zur großen Truhe, die schwere Eisenschlösser vor fremden Zugriff schützten. Aber sie beschützten fast nur noch Leere. Nicht mehr lange und es würde ganz still um ihn werden. Er würde im Schuldenturm landen und hätte sein Volk, das ihm so treu gedient, das er so sehr liebgewonnen hatte, im Stich gelassen. Und er hätte seine Königin enttäuscht. Das wäre eine viel schlimmere Strafe, als der Schuldenturm es je sein könnte.
Warum habe ich nur diese Leopardenfelle beim freien Händler kaufen lassen? Was habe ich mir dabei nur gedacht? Alles war so gut gegangen. Zwar hatte er gewusst, dass er ohne Aristokraten niemals die Unabhängigkeit erlangen können würde, aber … Ach, die Unabhängigkeit. Was für ein schmerzlicher Gedanke. Wie wild hatte seine Verwegenheit gelockt und wie schal schmeckte nun die Erinnerung an die hoffnungsvollen Träume. Viel zu schnell hatte er die Bevölkerung sich entwickeln lassen. Hatten sich Bürger, Kaufleute angesiedelt. Immer mehr sind dazugekommen. Die Lager waren voll. Andrew hatte alles klug eingerichtet und es war genug da. Aber er hatte sich der Freude an seinem Erfolg hingegeben.
"Die Adligen", pflegte er damals oft zu sagen, "die Adligen werden mir die finanzielle Sicherheit geben, die ich benötige. Wenn ich erst einmal Aristokraten angesiedelt haben werde, werden ihre Steuern meine Ausgaben decken. Ich werde alles wieder bezahlen können. Und dann habe ich noch genug Zeit, um …"
Ach das hallte heute alles so töricht wider. Hatte er den Verstand verloren? Wenn der Auftrag, den der freie Händler ihm gegeben hat, nicht erfüllt würde, es wäre um ihn bestellt. Gerade darum hatte er seinen erfahrendsten und treuesten Kapitän geschickt. Aber kann ich McDowell wirklich trauen? Gewiss, er hat mir immer treu gedient. Und bislang hat er bei all dem Seemannsgarn, das er spinnt, nicht ein einziges Mal irgendetwas über die Spezialaufträge, die er für mich beim freien Händler erledigt, erzählt.
Oder nur so, dass es die spannendsten und tollsten Geschichten wurden, die ohnehin niemand ernst genug nehmen würde, um sie zu glauben. Und wenn er doch ein Pirat ist? Andrew verwarf den Gedanken. Er konnte sich nicht auch noch darum Sorgen machen und musste einfach hoffen, dass McDowell, wie eigentlich immer zuverlässig mit erledigtem Auftrag und klingender Münze heimkehrte. Die Goldmünzen aus dem Auftrag könnten mich retten. Vorerst. Und die Kolonialware die Adligen zufriedenstellen.
Und dann wollte doch noch der Gesandte von Tetonka kommen. Wer weiß, vielleicht kann ich mich mit dem Volk meines alten Freundes doch endlich verbrüdern. Tief stand er in dessen Schuld, denn er hatte ihm damals das Leben gerettet, mit seiner uralten Heilkunst.
Andrew zuckte zusammen. Hatte er nicht eben Schritte gehört? Oder hatte er sie sich eingebildet. Die Hälfte des Zimmers hatte das abendliche Zwielicht in undurchdringliche Schatten gehüllt. Da war es schon wieder. Schritte. So leise, als wären sie weit entfernt. Und doch irgendwie so nah. Andrew blickte sich nervös um. Aber sah niemanden und nichts. Plötzlich klang es warm und freundlich hinter seinem Rücken:
"Dein Herz kann immer noch gut hören, aber Deine Ohren hast Du es immer noch nicht gelehrt und Deinen Augen scheinst Du die Blindheit beigebracht zu haben, mein junger, unerfahrener Freund. Tetonka grüßt Dich in dieser dunklen Stunde." Andrew kannte diese Stimme, drehte sich erfreut um und ließ sich von seinem treuen Freund umarmen. Dann sagte er: "Und Du bist immer noch der Meister des Anschleichens. Selbst hier, in meinem eigenen Palast."
"Ein Palast? Mir schien es eher ein Gefängnis zu sein. Aber genug davon. Große Sorgen machen Dir das Herz schwer. Hat Dich wieder der böse Geist angefallen, den Ihr die Pest nennt?"
"Nein, alter Freund. Das nicht. Aber ich kann guten Rat brauchen, in dieser Stunde, das ist wahr …",
Andrew wusste nicht recht, wo er anfangen sollte. Also sagte er: "Tetonkas Augen und Ohren sind offener, als die meinen und seine Seele ist um viele Winter weiser. Vielleicht weißt Du schon, was mich bedrückt?"
Tetonka nickte ruhig "Die Trommeln haben davon berichtet, dass Du einen Mann an die chinesischen Gestade ausgesendet hast, um mit ihnen Handel zu treiben. Doch als der Zeitpunkt gekommen war, Bruderschaft zu schließen und ein Bündnis zu besiegeln, hast Du gezögert. Ein anderer, den Ihr Jorgensen nennt, stahl sich in das Herz des Chinesen, das für Euch offenstand, und verbrüderte sich mit diesem Volk. Und nun seid Ihr in Sorge, nicht genügend handeln zu können, um erneut einen Handelspartner zu finden." Tetonka machte eine Pause und sah vor sich hin, als erblickte er hinter den Wänden des Gouverneurzimmers, hinter den Mauern, hinter dem Horizont einen wunderschönen Sonnenaufgang. "Aber warum, junger Freund, hast Du Dich nicht mit dem Chinesen verbrüdert?" "Tetonka, Du weißt Doch, wie sehr ich Dir verpflichtet bin. Niemals würde ich ein Bündnis mit einem anderen Volk als dem Deinen abschließen wollen."
"Du bist voller Mut und Ehrgefühl. Aber wenig Weisheit finde ich in Deinen Taten. Drum höre: Einst riskierte ein junger Mann sein Leben, um das eines etwas älteren Kriegers zu retten. Es gelang und der ältere Krieger gelobte ewige Treue und Dankbarkeit. Der junge Mann aber, dessen Herz voller Weisheit war, winkte ab und hieß den älteren seiner Wege zu gehen. Da ging der ältere Krieger zum Medizinmann und fragte, wie er sich bei dem jungen bedanken könnte. Der Medizinmann befragte die Götter und nach einer Stunde, antwortete er:
‚Der junge Mann hat Dir ein Geschenk gemacht. Er schenkte Dir die Bereitschaft, sich für Dich zu opfern. Wenn Du die Schuld begleichen willst, musst Du ihm ein Geschenk machen.‘ Der ältere Krieger tat, wie ihm gesagt wurde, nahm seine wunderschön verzierte Axt, die sein wertvollster Besitz war, ging zum jungen Mann und wollte ihm die Axt zum Geschenk. Aber der junge Mann lehnte dankbar ab. Da ging der ältere Krieger wieder zum Medizinmann und fragte ihn um Rat. Der befragte die Götter und nach drei Tagen ließ er den älteren Krieger zu sich rufen und antwortete ihm:
‚Dein Geschenk kam von Herzen, aber es war schlecht gewählt. Denn das Leben, das er bereit war, für Deine Rettung zu geben, besteht aus vielen Dingen. Niemals kann ein einziges ein Leben aufwiegen.‘ Weiter sagte der Medizinmann nichts und der ältere Krieger dachte sich, er müsse also viele Geschenke machen, um seine Schuld zu begleichen. So zog er aus und suchte nach Schätzen und Reichtümern. Und er wurde arm dabei und litt große Not. Aber er hörte nicht auf, als bis er einen riesigen Schatz zusammengehortet hatte. Und als er die vorzüglichsten Dinge zusammengetragen hatte, rief er den jungen Mann zu sich und bot sie ihm zum Geschenk. Da lagen die besten Tücher, berühmte Waffen, sogar die besten Pferde, die man sich denken könnte, standen neben dem Schatz. Doch der junge Mann, als er das sah, lächelte nur, winkte ab und ging wieder. Da ging der alte Mann wieder zum Medizinmann und fragte ihn um Rat. Der Medizinmann befragte die Götter und nach einem Monat ließ er nach dem älteren Krieger schicken. Dieser kam und erhielt zur Antwort:
‚Du hast noch immer nicht verstanden, Dein Geschenk richtig zu wählen. Du hast an Art und Menge die besten Dinge gewählt, die Du Dir vorstellen kannst. Doch ein wahres Geschenk, muss von Herzen kommen und zum richtigen Zeitpunkt. Was hätte Dir die Tat des jungen Mannes drei Tage vor oder nach Deinem Missgeschick genützt? Es gab nur einen einzigen Zeitpunkt, nur eine Art und nur eine Menge. Das Herz des jungen Mannes hatte das erkannt und den richtigen Zeitpunkt gewählt. Und so musst auch Du den richtigen Zeitpunkt wählen.‘ ‚Aber wie erkenne ich, wann die Zeit gekommen ist?‘ hatte der ältere Mann gefragt. ‚Dein Herz wird es Dir sagen. Höre nur gut zu und sei bereit.‘ Darauf sagte der Medizinmann nichts mehr. Der ältere Krieger begann zu warten und begleitete den jungen Mann, um bereit zu sein, wenn der Zeitpunkt gekommen sein möge. So lernte der junge Mann viel von dem älteren Krieger und beide wurden und blieben Freunde.
Eines Tages jedoch fühlte der ältere Krieger, dass seine Zeit gekommen war und er sterben würde. Er rief den jungen Mann, der ein vortrefflicher Krieger geworden war, zu sich und berichtete ihm von dem was der Medizinmann ihm gesagt und aufgetragen hatte. ‚Doch nun bin ich im Begriff zu sterben und so gut ich auf mein Herz hörte, nie sagte es, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Ich schäme mich, versagt zu haben und Dir nicht das Geschenk gemacht zu haben, dass Du verdient hast.‘
‚Aber das hast Du. Du hast mich viel gelehrt und zusammen mit mir viele Abenteuer bestanden. Du brauchst Dich nicht zu schämen. Deine Schuld ist längst abgetragen.‘
Und in diesem Moment hörte der ältere Krieger sein Herz sagen, dass es der richtige Zeitpunkt war, lächelte zufrieden und starb. Und eine Krähe breitete die Flügel und flog zurück in den Himmel. Und nie hatte es einen reicheren Mann gegeben, als den jungen Krieger."
Andrew hatte aufmerksam zugehört. Aber es fiel ihm schwer, die Geschichte Tetonkas mit seiner Situation in übereinstimmung zu bringen. Daher fragte er:
"Also sollte ich warten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist?"
Tetonka nickte lächelnd "So ist es."
"Aber womit?" Tetonka schwieg.
"Meinst Du, ich hätte mich mit dem Chinesen verbrüdern sollen? Meinst Du das?"
Tetonka ging rückwärts und lächelte ihn an: "Hör auf Dein Herz, älterer Krieger! Hör auf Dein Herz!"
Und wieder verschmolz er mit den Schatten und verschwand vor Andrews Augen. "Leb wohl, großer Tetonka.", sagte Andrew leise und er wusste, dass Tetonka ihn noch gehört hatte.
Doch mit dem Verschwinden Tetonkas kehrten die Sorgen zurück. Ein Bündnis mit dem Chinesen. Sicher, seinem einem jungen Botschafter würde es sicher gefallen, seine Arbeit von solchem Erfolg gekrönt zu sehen. Aber da war noch Jorgensen.
Wenn das Leben in der Stadt nur weitergeht. Einen Aufstand könnte ich jetzt am allerwenigsten gebrauchen.
Und wenn ich die Königin um ein Darlehen bitte? Oh nein. Ich kann von ihr nicht noch mehr Geld annehmen. Sie hatte mir zugehört, mir Vertrauen geschenkt und mich ausgerüstet mit einem Schiff und weit mehr Gold als ich je zu verlangen gewagt hätte. Und was ist jetzt davon übrig?
Die Stirn des Mannes legte sich wieder in Falten. Seine langen schwarzen Haare, hatten schon begonnen, sich grau zu färben vor lauter Sorge und seine einst so wachen und klugen blauen Augen, die die Königin damals so hoffnungsfroh angestrahlt hatten, waren trübe geworden. Hoffnung. Wenn es etwas gab, von dem er am wenigsten geglaubt hätte, dass er es jemals verlieren würde, dann war es die Hoffnung.
Und selbst jetzt brannte noch ein funzliger Hoffnungsschimmer in seinen Augen, aber er erinnerte eher an das dämmrige Licht der öllampen, die kein Licht zu geben schienen, sondern nur etwas Dunkelheit fortzustehlen.
"Verzeiht, aber man sagte mir, ich dürfte eintreten. Störe ich Euch?". Herausgerissen aus seinen schwermütigen Gedanken, hob die Geschäftigkeit den Vorhang aus Erinnerung und gab den Blick auf einen jungen Bürger frei, den Andrew nur allzu gut kannte. Allen hieß der junge Bursche. Allan Smith.
Er hatte in den letzten Monaten bei jeder Gelegenheit vorgesprochen und verbeugte sich nun, den Hut ziehend, mit jugendlicher Eleganz. Er hatte für einen Mann seines Alters ein ungewöhnlich sicheres Auftreten und seine braunen Augen brannten vor Ehrgeiz und Neugier.
"Ihr wisst, weshalb ich hier bin?", fragte er .
"Um mich zu plagen und wieder zu plagen.", antwortete Andrew seufzend "Nicht, dass es mich nicht freute geistreiche und ambitionierte junge Köpfe in meiner Stadt beheimatet zu sehen. Aber", Andrew rieb sich die Stirn "ich sähe sie noch lieber in der Stadt als hier im Gouverneurspalast. "Aber Eure Exzellenz, die Plage, die ich Euch bereite ist doch eine Kleinigkeit gegen die wahre Plage, gegen die Pest.", erwiderte der junge Mann. "Bitte gestattet mir doch, Vorkehrungen zu treffen. Ihr selber sagtet doch einmal, wie wichtig es wäre sich der Erforschung dieser teuflischen Krankheit zu widmen.
Nun bin ich bereit, ein Medikus zu werden und ihr verwehrt es mir. Warum? Warum wollt ihr riskieren, dass Euer Volk an der Pest erkrankt? Ich sage Euch, gegen die Grauen der Pest helfen die Segen der Priester wenig. Vielleicht ist Euch der Schrecken dieser Krankheit nicht ganz klar, vielleicht sollte ich erneut eine Schilderung …"
"Bitte, erspart es mir. Glaubt mir nur zwei Sachen, zum einen, dass ich genau weiß, welches Leid die Pest verursacht und zum anderen, dass ich zur Zeit nicht willens bin" oder finanziell in der Lage, fügte Andrew in Gedanken hinzu "einen Medikus zu beschäftigen."
"Aber so hört doch", wandte der junge Gelehrte ein, "Nur wenn ihr mir die richtige Ausstattung zubilligt, kann ich Eure Stadt vor der Pest retten, wenn der schlimmste Fall eintreten sollte. Und glaubt mir, es gibt nichts, was schlimmer ist als die Pest. Beulen überziehen euren Körper, in denen entzündeter Eiter fließt. Oder sie befällt Euren Atem und jeder Atemzug wird zur unerträglichen Qual. Der Mensch leidet nicht nur an der Pest, er siecht fiebrig dahin. Und schlimmer noch, jeder Atemzug bringt allen, die in der Nähe sind und nicht wissen, wie sie sich schützen können, ebenfalls den schwarzen Tod. Oh, und es ist ein qualvoller Tod, das Blut, das Ihr aushustet …"
"Ich habe doch gesagt, Nein! Schweigt davon. Es hat keinen Zweck und nun geht, bevor ich Euch entfernen lassen muss.", rief Andrew drohend.
"Nein! Hört mir zu. Dieses Mal werde ich mich nicht so einfach abweisen lassen. Ich werde nicht gehen.
Nicht bevor Ihr mich angehört habt. Ihr müsst Euch anhören, zu welch grausamen Schicksal ihr Euer Volk verdammt. Ihr wisst genau, dass ich nicht viel brauche. Bislang habt Ihr Glück gehabt. Unendliches Glück. Bei einer so großen Stadt, wie der Euren ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich irgend jemand ansteckt und eitrige Beulen seinen Schritten folgen und alles infizieren, bis die ganze Stadt …"
"Genug!", schrie Andrew außer sich und der junge Mann erschrak und fürchtete, dass er zu weit gegangen war, so gut seine Absichten auch gewesen sein mögen. Aber der Gouverneur wies ihn nicht zurecht, sondern begann, sein Wams aufzuknöpfen und rief dabei:
"So, Ihr glaubt also ich kenne die Pest nicht? Ich wäre unwissend und naiv, Euch nicht zu vertrauen?
Ihr meint mir wäre das Gesicht dieser Krankheit unbekannt? Oh, ich kenne ihre hässliche Fratze. Und ja, es stimmt, sie ähnelt der des Todes, nur ist sie nicht so hübsch, wie dieser."
Und während er das sagte, entblößte er seinen Oberkörper. Am Hals und bei den Achselhöhlen waren eine Reihe Narben sichtbar, die der junge Medikus sofort mit Schrecken erkannte. "Ich hatte die Pest, mein junger Freund!", rief Andrew aufgebracht. "Ja, ich hatte sie. Und es gab keinen Medikus, der mir geholfen hat. Oh, nicht, dass es nicht genügend versucht hätten, aber es ist keinem geglückt, mich zu heilen.
Meine Familie, aus gutem, kaufmännischen Stand, führte die ständige Konsultation der angeblich fähigsten Medizi in den Ruin. Quacksalber waren es allesamt, die nicht wussten, was sie taten. Meine Familie landete im Schuldenturm und ich habe sie nie wieder gesehen. Ich selbst war ein Ausgestoßener und flüchtete in die Wildnis vor dem Mob, der mich als von Gott mit der Krankheit gestraft verachtete und jagte. Aber ich habe überlebt. Ich habe eine Kur gefunden und ich habe überlebt. Und ich habe daraus gelernt. Kein Medikus, den ich kannte, konnte die Pest kurieren. Sie sind alle zusammen unfähig."
Der junge Mann sah schon fast alle Hoffnung schwinden: Doch er wollte einen letzten, mutigen Versuch wagen:
"Aber Gouverneur. Ist es nicht möglich, dass jemand, den sie als Medikus noch nicht kennengelernt haben, besser ist als die anderen? Es wurden in den letzten Jahren großartige Fortschritte gemacht, so traurig immer wieder der Anlass ist, durch welchen Verbesserungen möglich sind. Und wenn die Pest frühzeitig und richtig behandelt wird, bestehen heute gute Aussichten auf einen Heilungserfolg. Zumindest könnte ich die Ausbreitung der Seuche eindämmen. Bitte, Sir, gebt mir eine Chance, ich brauche nur eine handvoll Münzen, um die Arzneien zu besorgen und ein Gebäude. Eine kleine Investition, die sich auszahlen wird."
Erwartungsvoll blickte er Andrew an. Und plötzlich war es Andrew, als schaute er in sein eigenes Gesicht.
Er erinnerte sich, wie er damals der Königin einen noch viel verwegeneren Plan vorgeschlagen hatte und dass er nicht hier wäre, wenn sie ihm damals nicht auch eine Chance gegeben hätte. Er beschloss, dem jungen Medikus seine Bitte zu gewähren, so knapp sein Geld auch sein möge. Es ist in der Tat ein Wunder, dass nicht schon längst die Straßen von dahinsiechenden gepflastert sind. Doch er musste ihn noch ein wenig warten lassen, bevor er seine Bitte gewähren würde.
"Nun gut.", sagte er mit der gleichen Strenge und dem gleichen Zweifel in der Stimme, über den er sich bei der Königin immer so gewundert hatte, "Ihr habt euren Mut durch eure Worte und euren Willen durch eure Beharrlichkeit bewiesen "Vielleicht zahlt sich beides aus. Ich werde darüber nachdenken.
Doch nun geht!",
"Aber Sir, …"
"Geht jetzt. Eure Kühnheit hat Euch meinen Respekt eingebracht, verspielt ihn nicht, indem ihr …",
aber weiter kam Andrew nicht mehr. Die Türen sprangen auf und der Sekretär des Gouverneurs stürmte herein:
"Gouverneur, ich komme eben aus der Stadt.", schnaufte er und japste nach Luft. "Ich bin den ganzen Weg hierher gelaufen. Ich habe schreckliche Neuigkeiten, Sir."
Andrew überlegte, was denn jetzt noch passieren könnte. Es hat doch nicht am Ende irgendjemand in den Lagern …
"Die Pest, Gouverneur. Wir haben die Pest in der Stadt. Im Moment sind es nur wenige Fälle, aber sie breitet sich rasend schnell aus, ganz so, als wäre das Wasser vergiftet worden. Die Leute murren und sind unzufrieden, weil es keinen Medikus gibt, der ihnen hilft. Die Priester sind schon unterwegs und dämmen den Einfluss mit Weihrauch ein und trösten die Menschen und geben ihnen Mut. Aber einige Leute sind sehr aufgebracht und wollen keine Steuern mehr zahlen, Sir. Was sollen wir tun?
Die Züge des Gouverneurs verdüsterten sich. Aber er hatte keine Zeit und durfte nicht zögern. Er legte Alan, die Hand auf die Schulter, schaute ihn fest an und sagte:
"Nun, mein junger Freund, das Geschick scheint sich für Euch entschieden zu haben, also nutzt die Gelegenheit und beweist mir euren Wert. Lasst Euch vom Schatzmeister das Geld geben, das ihr braucht. Ich werde das Nötige veranlassen, dass ihr ein Haus in der Stadt bekommt, wenn", er schaute dem Medikus streng an, "wenn ihr Euch bewährt." Der junge Mann wandte sich schon zum Gehen
"Noch eins." und es war ein fast königlicher Gesichtsausdruck, den er hatte, als er sagte "Enttäuscht mich nicht."
Der junge Mann nickte kurz. Ihm stand mehr die Sorge um die Bevölkerung, als das Glück seines unerwarteten Erfolges ins Gesicht geschrieben. Dann schritt er eilends hinaus, ja, rannte fast und schlug die schweren Türen hinter sich schwungvoll zu. Der Gouverneur wendete sich nun seinem Sekretär zu: "Ich wünsche, dass die Steuern gesenkt werden. Nicht zu viel, denn, wie ihr wisst, brauchen wir das Geld. Aber die Leute sollen merken, dass wir ihre Sorgen ernst nehmen, das wird sie beruhigen. Dann möchte ich, dass ihr alle Ausbauten an Privathäusern stoppt. Wir brauchen das Baumaterial, wenn wir unserem jungen Medikus ein Haus bauen wollen. Außerdem brauche ich einen Bericht von den Lagerhäusern und eine aktuelle Bilanz. Und dann", er blickte sich noch einmal misstrauisch um und senkte seine Stimme, "möchte ich wissen, was oder wer dahintersteckt. Unsere Loge soll versuchen, herauszukriegen, ob tatsächlich unser Wasser vergiftet worden ist und wenn ja, wer es getan hat und in wessen Auftrag.", "Sehr wohl, Sir", flüsterte der Sekretär und wollte gehen "Ach und noch etwas", sagte Andrew leise. "Behandelt die ganze Angelegenheit vertraulich. Je weniger davon bekannt wird, dass wir uns mit einem unerkannten Gegner herumschlagen und vielleicht deswegen die Pest am Hals haben, umso besser. Die Pest", er blickte den Sekretär scharf an, "ist bestimmt von irgendeinem Reisenden eingeschleppt worden. Das Trinkwasser ist niemals vergiftet worden, hört ihr? Ich will solche Schlussfolgerungen gleichgültig wie berechtigt sie sein mögen, nie wieder von Euch in Anwesenheit Dritter hören! Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Der Sekretär schluckte kurz:
"Ja, Sir."
"Und nun geht rasch, es gibt viel zu tun und niemanden außer Euch, der es schneller und besser erledigen könnte."
"Ja, Sir, danke Sir.", sagte der Sekretär, verbeugte sich beflissen und entfernte sich raschen Schritts. Andrew trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinunter. Die Statue auf dem Marktplatz schien ihm nicht mehr so golden, wie vor zwei Stunde noch. Sie wirkte traurig und schimmerte rot im Licht der Abendsonne. Für ein Paradies habe ich diese Insel gehalten. Und sie wird ein Paradies sein. Der schönste Garten, der in den Kolonien errichtet sein wird. Aber wir werden noch viel arbeiten und erleiden müssen, bis es so weit ist. Meine Königin, ich werde mein Wort halten und Ihr werdet sehen, ich werde erschaffen, was ich versprach. "Und da brechen mit einem Mal an die hundert Wilde durch die Büsche. Bewaffnet mit Speeren und wunderlich verzierten Schilden. Nasenringe und Ketten aus Knochen tragen sie. Auf ihren Gesichtern, blanker Hass. Und schon flogen die ersten Speere, einer so knapp an mein Ohr vorbei, dass ich den Fluch ihrer Götter in seinem Zischen hören konnte."
Der Kapitän erzählte die wildesten Geschichten und umso länger er erzählte, umso mehr Bier floss die Kehlen hinunter. Der Wirt rieb sich erfreut die Hände. Seine Rechnung schien aufzugehen. Um McDowells Tisch herum hatte sich ein Kreis aus neugierigen Zuhörern gebildet, dem sich sogar, mit etwas Abstand, der Adlige angeschlossen hatte. Nur die Leute aus McDowells Mannschaft, die natürlich Steinbst miterlebt zu haben und sie deswegen schon zu kennen, einige spröde Siedler und der Mann in Schwarz saßen noch an ihren alten Plätzen "Sie hatten sich bemalt und sahen furchterregend aus. Und wir rannten, so schnell wir konnten, zurück zum Schiff. Wie wir später erfuhren, hielten sie den Strand für den Wohnsitz ihrer Götter und nur Götter durften darauf bauen. Und ich glaube wir schienen ihnen nicht göttlich genug."
"Welch feines Gespür doch diese Wilden haben, das ist äußerst faszinierend." bemerkte der Adlige spöttisch.
"Ha. Mit eurem Gehabe wärt ihr dort vielleicht glatt als Gott durchgegangen." Der Adlige nahm die Bemerkung einstweilen als Kompliment und lächelte. McDowell fuhr fort: "Aber wir hatten andere Sorgen. Den jungen Master Dick hatte es erwischt. Seine erste Fahrt, was für ein falsches Glück! Einer der Speere hatte sich direkt in sein Bein gebohrt und er konnte nicht weiterlaufen. Wenn ihn keiner geholt hätte, wäre er verloren gewesen. Ich lief also zurück, direkt auf die Wilden zu und wich ihren Speeren aus, so gut es eben ging. Einer streifte mich am Bein, ein anderer mein Arm aber keiner hat mich richtig getroffen. Dann schnappte ich mir Dick, warf ihn förmlich über meine Schulter und lief mit ihm zurück zum Schiff. Ein Glück, dass der nur eine halbe Portion war. Den guten Franson hätte nicht so leicht schultern können. Nicht wahr Franson?"
Ein Bär von Mann am anderen Tisch prostete ihm fröhlich zu:
"Nicht dass sie mich je gekriegt hätten, McDowell! Eher hätte ich sie gekriegt und den ganzen Stamm mit verbundenen Augen niedergemacht, aber ihr wolltet ja alle nicht. Diese verdammten Wilden. Machen nur ärger. Die haben nichts besseres verdient, als niedergemacht zu werden."
"Franson, sei vorsichtig mit Deinen Urteilen, wer was verdient hat. Schließlich haben wir den Strand ihrer Götter entehrt, als wir das Kontor errichteten. Wir haben es nicht gewusst, aber wir haben eines ihrer heiligsten Tabus gebrochen. Und nach dem Gesetz des Stammes hatten wir den Tod verdient, es sei denn, wir wären Götter gewesen und unsterblich. Kannst Du das von Dir behaupten, Franson?"
Ein beleidigtes Grummeln antwortete ihm.
"Ich hoffe, dass wir nicht allzubald dorthin zurück müssen.", fuhr der Kaptein fort. "Wir brauchen einfach Dolmetscher. Dann würde so etwas nicht passieren und wir könnten auch bessere Preise herausschlagen, wenn wir nicht jedes Volk mit dem ersten Zeh, den wir auf Ihr Land setzen verärgern. Dann müssten wir uns nur noch mit den Piraten herumärgern und den Seeungeheuern, den Stürmen und den Untiefen, den Flauten und all den anderen Bedrohungen, die es auf See und auf den Inseln gibt." Aber das sind andere Geschichten, die ich mir noch aufheben muss, sonst habe ich ja morgen nichts mehr zu erzählen und ich bin doch noch drei Tage hier."
Ein enttäuschtes Raunen ging durch die Reihen. Doch dann bemerkten die Leute, wie spät es schon ging nach Hause. Auch der Kapitän dachte, dass es vielleicht an der Zeit wäre, zurück auf sein Schiff zu gehen. Schließlich hatte er noch einige Vorbereitungen für die nächste Fahrt zu treffen. Oder sollte er sich vielleicht doch einfach schlafen legen? Er beschloss, erstmal vor die Tür zu gehen und frische Nachtluft zu schnuppern. Als er am Tisch des in schwarz gekleideten Mannes vorbeikam zischte es von der Seite:.
"Wollt ihr Euch nicht ein bisschen zu mir setzen?" Die Stimme hatte etwas Furchterregendes, aber sie war auch auf eine faszinierende Art schön und schmeichelnd. Der Kaptein war etwas verwundert über die seltsame Einladung und misstrauisch. Er stützte sich auf den Tisch und fragte:
"Und warum sollte ich das tun wollen?"
"Nun,", antwortete der Schwarzgekleidete "ihr sagtet doch, ihr wärt unzufrieden. Mit dem Gouverneur und der Arbeit, die er Euch aufhalst."
Der fremde sprach jetzt mit einer süßen, öligen Stimme. "Ach was, unzufrieden. Unser Gouverneur tut alles für uns und den meisten geht es ganz gut. Was will man denn mehr?"
"Und wessen Arbeit ist es, die diesen Wohlstand sichert, hm? Wer sät denn die Lorbeeren und pflegt sie, damit sie euer Gouverneur ernten und Euch so stolz präsentieren kann? Ihr seid jetzt, wartet, drei Tage hier, an Land, wo ihr den reichlichen Luxus kosten könnt, in dem hier alle leben können. Kosten, nicht genießen. Denn dann seid ihr wieder drei Wochen auf See und müsst die härtesten Abenteuer bestehen, um den feinen Herren ihren Kakao und ihr Geschmeide herbeizuschaffen. Habe ich nicht recht, hm? Und ihr könnt nichts von dem Luxus mit an Bord nehmen und müsst zusehen, wie der Geschmack am Leben fahl und fahler wird."
"Hört mal zu, der Gouverneur ist ein feiner Mann. Und jeder der …"
"Soso, ein feiner Mann. Er hat also die Zeit und das Geld sich selbst herauszuputzen und zu präsentieren, während ihr für seinen Prunk schuften müsst."
Der Kapitän wusste nicht, was er sagen sollte. In seinem Herzen wusste er, dass der Gouverneur sein Bestes tat, damit es allen gut ginge. Aber in seinem Verstand begann das, was der Fremde sagte einen Sinn zu machen und er begann nach und nach den Gedanken zu umarmen, dass der Gouverneur ihn betrog, ihn, der ihm so viele Jahre so treu gedient und aus so mancher Patsche geholfen hatte. Der Fremde beobachtete genau, wie der Kapitän nachdachte, die Brauen zusammenzog und die Fröhlichkeit seines Herzens aus seinen Augen wich.
"Hört zu. Ich kann Euch nicht geben, wonach ihr verlangt. Das kann nur der Gouverneur. Aber ich kann Euch helfen, ihm euren ärger in", er räusperte sich "geeigneter Form mitzuteilen. Damit wäre Euch und auch ihm geholfen, denn dann wüsste er, welche Probleme ihr habt und könnte versuchen, sie zu lösen, wenn er das wirklich wollte." Für den Bruchteil eines Augenblicks, huschte ein maliziöses Lächeln über die dünnen Lippen des Fremden.
"Geht einfach morgen früh auf den Marktplatz. Vier Glas nach Sonnenaufgang. Es werden noch ein paar andere Leute da sein. Denn nur zusammen seid ihr stark und laut genug, dass Ihr Euch Gehör verschaffen könnt, das Euch nicht geschenkt wird. Ich werde auch dort sein, um Euch zu unterstützen in Eurem Vorhaben. Vielleicht kann ich ja auch ein paar Aristokraten als Fürsprecher für Euch und Eure Sache gewinnen. Also, zögert nicht, wenn Eure große Stunde schlägt. Und nun geht und ruht Euch aus. Denn ihr habt sicherlich die letzten Wochen zu hart geschuftet und geackert, um nicht der Ruhe zu bedürfen. Ich wünsche Euch von Herzen eine gute Nacht."
"Ja, auch Euch eine gute Nacht."
Etwas verwirrt torkelte der Kapitän aus der Tür in die kühle Nachtluft. Er hatte doch schon mächtig Schlagseite bekommen, das überraschte ihn ein wenig. Er war doch sonst so trinkfest. Irgendwie gingen ihm die Worte des Fremden nicht aus dem Kopf. Wie war das mit dem ärger und der Mühe? Plötzlich tauchten vor seinem inneren Auge wieder die Wilden auf, die seine Mannschaft verfolgten. Diesmal war er mitten unter ihnen. Bemalt wie sie, mit Nasenring und Knochenketten geschmückt und einen Speer in der Hand, den er mit aller Kraft nach dem jungen Master Dick schleudert. Und er trifft ihn.
Doch dieses Mal mitten ins Herz. Dann wurde es dunkel.
Ein warmes Feuer brannte in dem Kamin des gemütlich eingerichteten Hauses. Am Stehpult in der Ecke, im flackernden Licht einer öllampe ordnete Leslie Johnson seine Geschäfte, schrieb Briefe und führte seine Bücher. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf, seufzte und blickte mit sorgenvoller Miene ins Fenster. Draußen war es schon stockfinster und er sah nichts als sein Spiegelbild. Und wie besorgt dieses Spiegelbild schien. Die Haare zerzaust und die Augen leer. Der Schock stand seinem Spiegelbild ins Gesicht geschrieben: Die Pest hatte sein Haus erreicht und drohte, ihm sein einziges Kind zu nehmen.
Vor einer Woche noch war Michael fröhlich in die Schule gegangen.
Ja, er war ein findiger Knabe, neugierig, fleißig und von rechtem Mut. Er würde einen guten Beruf finden und bestimmt der Beste seines Standes. Vielleicht würde er auch zur See fahren. Nichts hatte ihn so fasziniert, wie die Schiffe und der Hafen. Wie oft musste Leslie ihn mit hinunter zum Kontor nehmen.
Wie er dann dastand und mit offenem Mund und offenen Augen die großen Segel anstaunte, die der Wind freundlich aufblähte, wenn die Schiffe ausliefen. Und was hatte er ihm nicht alles für Fragen beantworten müssen. Wie groß der Ozean ist, was für Welten jenseits dieser Wasser liegen, wie man so ein Schiff baut und wie man es steuert, wie man nach den Sternen segeln kann, warum es ausgerechnet so aussieht und nicht anders, was die Piraten machen, wie die Kanonen aufs Schiff kommen, wie der Gesang der Sirenen klingt, was Sirenen sind und, und, und. Er hatte immer versucht ihm alle Fragen so gut es ging zu beantworten, hatte ihm sogar die große Werft gezeigt und seinen Freund Billings, einen der Schiffsbauer, gebeten, seinen Sohn herumzuführen und ihm alles zu zeigen und zu erklären. Denn was weiß schließlich ein Schreiber im Handelskontor über das Wesen der Seefahrt und des Schiffbaus?
Vielleicht würde Michael ein guter Schiffsbauer, dachte Leslie, oder ein Abenteurer oder Gouverneur sogar. Wenn ihn nur die Pest wieder loslassen möchte. Kann denn der Tod keine Gnade zeigen und muss seine knochigen Finger ausgerechnet nach einem unschuldigen Kind ausstrecken? Warum hatte er nicht selbst diese grausame Krankheit, an seines Sohnes Statt? Vom Marktplatz her drangen ärgerliches Murren und lautes Klagen durch die kühle Nachtluft herein. Sollte er auch zum Marktplatz gehen?
Sollte auch er seine Not klagen und den Missstand anprangern unter dem sein Sohn und er litt?
Der Gouverneur hatte sich beharrlich geweigert, einen Medikus zu finanzieren, als es an der Zeit war.
Nun, Leslie ahnte, warum. Denn er kannte die knappen Lagerbestände und maroden Kassen, die einst so prall gefüllt gewesen waren, dass sie überliefen und sich Ratten an den Vorräten gütlich tun konnten, ohne dass es jemanden gestört hatte. Jetzt gähnte einen die Leere an, wohin man blickte. Wenn McDowell nicht ab und zu den einen oder anderen Spezialauftrag für den freien Händler erledigen würde, hätte der Gouverneur schon längst aufgeben müssen. Gerade heute hatte er wieder reichlich Goldmünzen und Leopardenfelle mitgebracht. Leopardenfelle. Die Gesundheit, ja, das Leben der Menschen in dieser Stadt stand auf dem Spiel. Und der Gouverneur ließ den Einsatz stehen, wie es schien. Anstatt Geld für einen Medikus auszugeben, hatte er damals teure Leopardenfelle gekauft. Und nun? Nun muss er für den teuren Nachschub sorgen und hat nicht einmal das Geld, die übrigen Geschäfte in Ordnung zu bringen, geschweige denn den gestiegenen Bedarf an Grundbedarfs- und Luxusgütern zu decken. Nein, in der Haut des Gouverneurs mochte Leslie jetzt nicht stecken und sei sie ein noch so weiches Leopardenfell.
Von oben drang ein helles, lautes Husten herab und schnitt sich in das Herz des Vaters. Sein Sohn war einer der ersten, die mit der Krankheit infiziert worden waren. Und immer noch war nicht klar, wie er sich angesteckt hatte. Man munkelte inzwischen, das Brunnenwasser sei vielleicht vergiftet gewesen. Ja, der Sekretär des Gouverneurs hatte irgendetwas in der Art gesagt, als er durch die Stadt ging und nach Pestkranken fragte, um sich einen ersten überblick zu verschaffen. Aber Leslie konnte sich nicht vorstellen, wer so etwas Grausames tun würde und warum. Er versuchte sich wieder auf seine Bücher zu konzentrieren. Die Geschäftigkeit, mit der er sich seinen Aufgaben widmete, verscheuchte ein paar der traurigen Gedanken und lenkte ihn für eine Weile von dem Schmerz, den er in sich trug, ab.
Plötzlich, es mochte wohl kurz nach Mitternacht sein, klopfte es. Doch noch ehe Leslie seine Bücher schließen und die Tür öffnen konnte, war schon ein junger Mann eingetreten, der sich kurz als Alan Smith vorstellte und sagte, was Leslie das Herz jubeln ließ. Alan war ein Medikus. Leslie erkannte es schon daran, dass er eine seltsame Larve trug, die aussah, wie eine überlange Nase, eine seltsame Brille und einen wachsenen Umhang. Wäre es kein notwendiger Schutz gegen die Schrecken der Pest gewesen, man hätte diese Maske zum Balken biegen komisch gefunden.
"Schnell, er ist oben. Wartet ich führe Euch hinauf.", sagte er hastig. Dann lief er zum Pult, griff die Lampe und rief hinauf: "Maria, hast Du gehört? Unsere Gebete wurden erhört, ein Medikus ist gekommen."
Und imgleichen stapfte er die hölzerne Treppe hinauf und bedeutete dem Medikus ihm schnell zu folgen. Die Diele knarzte unter den eiligen Tritten des Bürgers, denen der Arzt zu folgen, seine liebe Mühe hatte. Er war seit heute Nachmittag in so vielen Häusern gewesen. Ihm kam es so vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass der Gouverneur ihm die Einwilligung gegeben hatte. Ach, hätte er nur eines dieser neumodischen Geräte, dieser Fahrräder. Er wäre schneller bei den Kranken und nicht allein vom Laufen so erschöpft. Denn das Leid zu sehen, das unter den Leuten herrschte, ermüdete schon genug.
überall schlugen ihm das gleiche Entsetzen und der gleiche Schmerz, Verzweiflung und Resignation entgegen. Für einige war bereits jede Hilfe zu spät. Doch vielen hatte er helfen können. Er war selbst überrascht, wie viele es waren und brauchte nicht den geringsten Zweifel zu hegen, dass er die Bewährungsprobe des Gouverneurs mit Bravour gemeistert hatte.
Als er den kleinen Raum betrat, in den Leslie ihn nervös hineinwinkte, bot sich ihm ein weiteres Mal der traurige Anblick, der ihm immer wieder das Herz bewegte. Der junge Michael lag in seinem Bett, an dessen Seite die Mutter kniete und betete. Alan bat die beiden Eltern den Raum zu verlassen. Er wusste, wie schwer es ihnen fallen würde, Michael allein zu lassen. Aber er wusste auch, wie gefährlich und töricht es war, sich längere Zeit in unmittelbarer Nähe eines Pestkranken aufzuhalten.
Als sie draußen waren, warteten sie ungeduldig. Es war ein seltsames Gefühl, das Geschick, Wohl und Wehe ihres jungen Sohnes in die Hände eines Mannes zu legen, den sie gerade erst kennengelernt hatten. Aber sie hatten keine andere Wahl. Sie mussten diesem Menschen mit der seltsamen Maske vertrauen.
Maria hatte sich gesetzt und vergeblich versucht, ihre Unruhe zu bändigen. Leslie gelang das noch weniger. Nervös ging er auf und ab auf ein gutes Ergebnis hoffend, jedoch das Schlimmste befürchtend.
Fast eine halbe Stunde blieb der Arzt beim jungen Master Michael. Als er wieder herauskam, lächelte er müde.
"Und, was ist? Wird er wieder gesund? Wird er, wird er …", der Vater brachte es nicht übers Herz, nach der grausamen Alternative zu fragen, während die Mutter den Medikus mit von Tränen glänzenden Augen fragend ansah.
"Er ist noch schwach,", antwortete Alan, "aber das Schlimmste hat er überstanden. Er wird es schaffen.
Doch er braucht jetzt Ruhe. Viel Ruhe. Und noch etwas." Er erklärte ihnen, wie sie ihn zu pflegen hätten und sich selbst vor der Pest selbst schützen müssten. Er betonte noch einmal, wie wichtig es ist, dass sie auf ihren eigenen Schutz achteten. Dann verabschiedete er sich kurz und ging eilig, denn es waren noch ein paar Häuser übrig. überglücklich fielen die Johnsons sich in die Arme und schöpften wieder neuen Mut.
Der nächste Morgen weckte den wackeren Kapitän aus seinem tiefen Schlummer. Freche Sonnenstrahlen kitzelten seine Nase. Er war mitten auf dem Weg eingeschlafen. "Potzblitz", rief er laut aus.
"Das habe ich ja nicht mehr erlebt seit …" Er dachte nach. Eigentlich hatte er das noch nie erlebt. Ob ihm der Wirt irgendetwas ins Bier …? Aber nein. Er verwarf diesen abwegigen Gedanken schnell. Er war einfach nur erschöpfter, als er es selber hatte zugeben wollen. Genau, wie der Fremde gesagt hatte.
Oh, ja der Fremde. Das Treffen, zu dem er eingeladen worden war. Es mochte wohl schon drei Glas nach Sonnenaufgang sein. Wenn er rechtzeitig da sein wollte, musste er sich beeilen. Kurz zögerte er, vielleicht sollte er doch lieber zu seiner geliebten Santa Barbara zurückkehren. Doch dann fasste er sich ein Herz und ging in die Stadt. Der Weg war weit und wie er endlich den Marktplatz von Ferne sah, merkte er, dass er spät dran war: Von dort drang schon aufgebrachtes Lärmen an sein Ohr und Neugierige gingen, wie er, in Richtung des Marktplatzes.
Als McDowell den Platz erreichte, überfiel ihn kurz ein Anflug von wehmütiger Erinnerung. Damals, als er noch Pionier war, hatte das alles noch ganz anders ausgesehen. Viel einfacher. Viel … praktischer.
Die steinernen Buden und der reich verzierte Brunnen passten ihm irgendwie nicht. Und sie passten nicht zu der Lage, in der sich die Stadt zur Zeit befand. Doch weiter konnte sich nicht an diese Gedanken verlieren. Seine Aufmerksamkeit wurde von dem Fremden völlig in Anspruch genommen, der mitten auf dem Marktplatz auf einem kleinen Holzpodest stand und eine feurige Rede hielt.
"… lasst Euch das nicht länger gefallen! Ihr habt die Macht! Zeigt dem Gouverneur, was Euch missfällt.
Setzt Zeichen, dass es so nicht weitergehen kann! Habt ihr nicht alles für die Königin und den Gouverneur getan? Und ich frage Euch: Steckt nicht der Gouverneur den ganzen Gewinn ein? Selbst seine Königin prellt der Gauner noch um ihren Anteil, von dem ich weiß, Ihr treuen Untertanen, dass Ihr ihn ihrer Majestät untertänigst und treu entrichten wollt. Aber vielleicht vertraut ihr dem Falschen.
Ahnt Ihr denn nicht, dass der Gouverneur den Tribut an die Königin in Wahrheit in seine eigene Tasche steckt? Und wofür? Was hat denn der Gouverneur in letzter Zeit für Euch getan? Er konnte immer zufrieden mit Euch sein, aber gab er Euch Anlass mit ihm zufrieden zu sein? Ihr gabt ihm die Früchte Eurer Arbeit, Ihr habt ihm euren Schweiß, euer Blut, habt ihm eure besten Jahre geopfert. Ihr habt geackert und Euch geplagt und mit nichts als Euren kräftigen Händen und Eurer eigene Hingabe diese wunderschöne Stadt zu errichtet. Und er nennt sie seine Stadt! Und was gibt er Euch für die Stadt, die er sich von Euch schenken ließ? Leere Versprechungen, leere Kassen und leere Lager! Das gibt er Euch! Ihr entbehrt des Nötigsten und er schwelgt im überfluss! Lasst Euch das nicht länger gefallen!
Das Maß ist voll! Zeigt ihm, aus welchem Holz Ihr geschnitzt seid! Seht diese Fackel hier. Sie brennt wie das Licht der Wahrheit. Lasst diese Fackel, lasst die Wahrheit brennen und brennt die Lüge und den Verrat aus, den der Gouverneur an Euch, den Verrat, den er an Eurer Königin beging! Brennt die Falschheit nieder, mit der er Euch Versprechungen machte, die er nie halten würde können! Brennt und merzt es aus, wie das Unkraut, das ihr ausreißt. Denn sonst wird es den ganzen Garten überziehen und nichts Gutes wird mehr gedeihen. Brennt nieder, was im Namen dieses Bocks, der sich für euren Gärtner ausgab, errichtet wurde! Setzt leuchtende Zeichen der Wahrheit, für die Ihr kämpft! Ihr habt die Macht, den Mächtigen in die Knie zu zwingen. Macht dem Betrug an Euren Geldbeuteln ein Ende.
Seht, die Fackel. Lasst sie zum Werkzeug werden gegen die falsche Diktatur, die Euch aufgezwungen wurde. Lasst die Fackel für Euch sprechen! Gegen die Sklaven- und Frondienste, die ihr leisten musstet und immer noch müsst. Bekennt Euch zur Fackel der Wahrheit. Bekundet durch sie Euren ehrlichen, rechtschaffenen Zorn, dass Euch verwehrt wird, was Ihr verdient. Was Euch zusteht! Werdet zum Werkzeug Eures Gottes und sorgt für Gerechtigkeit! Rottet das Unkraut aus, damit wieder gute Pflanzen wachsen können. übergebt das übel der reinigenden Kraft des Feuers. Brennt die Falschheit!
Brennt die Lüge! Brennt den Verrat! Brennt die Häuser nieder!"
Fast schreiend hatte der Fremde seine Rede beendet und sie hatte ihre Wirkung nicht verfehlt: Die Menschenmenge fiel jubelnd in die letzten Worte ein und es bildeten sich Sprechchöre: "Brennt sie nieder, brennt sie nieder, brennt die Häuser nieder!" Wütende Rufe mischten sich mit Tumult und Randale.
Die Marktleute verbarrikadierten hastig ihre Stände, da war schon der erste niedergerissen. Wie ein Strohfeuer brannte die Wut und fegte über den Marktplatz. Der Marktplatz wurde übel zugerichtet und die Statue mit Dreck, fauligen Eiern und allerlei Unrat beworfen, dass sie fast grün erschien. Der Fremde lachte nun offen, denn keiner achtete mehr auf ihn, und er freute sich über die wütende Menge. Er stieg in aller Seelenruhe von seiner Holzkiste herunter, da entriss ihm einer der eifrigsten Aufständischen, ein junger, ungestümer Aristokrat die Fackel und rief laut:
"Kommt Leute, holt Euch das Feuer der Wahrheit, lasst uns die Häuser niederbrennen." Während der Fremde die Holzkiste unter den Arm klemmte und verschwand, schmunzelte er hämisch über den grandiosen Erfolg seiner Hetzrede. Selbst einige Aristokraten hatten sich von ihm begeistern lassen, sind sogar zu Rädelsführern geworden. Und sie alle sind wie von Sinnen. Sie geifern und toben und wollen Rache für nichts. Ha, wie töricht doch der Pöbel ist. Und erst der Adelsstand. Er rieb sich die Hände. Für ihn war die aufgebrachte Menschenmenge ein Kunstwerk – sein Kunstwerk und es gefiel ihm besser und besser. Jorgensen würde noch einiges drauflegen müssen, um ihn für diesen Auftrag angemessen zu entlohnen. Sonst würde vielleicht Andrew mehr dafür bezahlen, den Auftraggeber zu kennen.
Oder er würde ein weiteres Kunstwerk schaffen. Oder er würde einfach beide bezahlen lassen.
Was für Möglichkeiten. Aber nun musste er zusehen, dass er verschwand, bevor er für gar nichts mehr von irgendjemanden verlangen konnte und Opfer seiner eigenen Anstiftung wurde.
Indes tobte die Menge, schrie und war völlig außer sich. Auch McDowell hatte sich anstecken lassen. Aus einem glücklichen Zufall, so schien es jedenfalls, hatte wohl ein Marktkarrenfahrer eine Ladung Fackeln auf dem Markt stehen lassen. Die Leute bedienten sich und zogen mit brennenden Fackeln los.
Der junge Adlige führte sie an und zu seinem eigenen Haus. Dort hielt er, hielt eine aufgebrachte Rede, die irgendwie an die des Fremden erinnerte und steckte er sein eigenes Haus in Brand und jubelte, als die Flammen über den First züngelten.
Glaubt mir, ich selbst hätte es auch nicht geglaubt, wenn nicht Meister Amselm es mir erzählt hätte.
Aber es war der Meister selbst, der mich der Wahrheit dieser Begebenheiten versicherte. Und nie fand ich einen Menschen reineren Herzens, dem die Lüge ferner lag, als den Meister.
Der Mob aber zog weiter und Haus um Haus ging in Flammen auf. Die Feuerwehr und die wenigen Bewohner, die vernünftig genug gewesen waren, sich dem Aufstand nicht anzuschließen, versuchten die Brände zu löschen, aber es waren einfach zu viele. Einige Häuser brannten nieder, stürzten ein und begruben alles unter sich, was in ihnen war. Kinder schrien. Aber alles ging im Tumult unter, den der Mob veranstaltete. Der war inzwischen wieder zum Marktplatz zurückgekehrt. Vor einem der Häuser am Marktplatz stand indes ein Mann und rieb sich verwundert die Augen über den Anblick, der sich ihm bot.
"Seid ihr denn alle verrückt geworden?", rief er halb zornig halb ungläubig. "Ihr zündet Eure eigenen Häuser an! Wenn ihr noch einen Funken Vernunft in Euch tragt, dann löscht die Fackeln und die Brände, die Ihr gelegt habt. Ist es nicht schlimm genug, dass die Pest in dieser Stadt wütet? Müsst ihr darum noch alles niederbrennen? Also kratzt, was von eurem Verstand noch übrig ist, zusammen und nehmt Vernunft an!"
Einige waren von den Worte des Mannes so sehr beeindruckt, dass sie tatsächlich taten, was er gesagt hatte. Andere standen unschlüssig herum und blickten in die Menge. Aber McDowell, der immer noch die Hetzrede des Fremden im Ohr hatte, ließ sich nicht einschüchtern.
"Die Wahrheit lässt sich nicht auslöschen!", rief er völlig aufgewühlt. Und er nahm seine Fackel und schleuderte sie zum Haus. Sie traf ein Fenster. Das Glas zersplitterte. Ein dumpfer Schlag klang wieder von der Fackel, die auf die hölzerne Diele geschlagen war, welche sofort Feuer fing. Bald würden Flammen wild aus dem Fenster schlagen. Doch über den Jubel des wütenden Mobs, der den vermeintlich so mutigen und geschickten Wurf begleitete, legte sich ein Schrei, der Tote hätte aufwecken können:
"Nein! – – Michael!"
Weit entfernt von dem Tumult hörte der Fremde den Schrei. Seine Hetzrede schien wunderbaren Erfolg gehabt zu haben. Und er war glücklich bis zum Hafen gekommen und nun dabei sich einzuschiffen.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter.
"Hab’ ich dich endlich." Der Fremde blickte sich um und sah fast in sein eigenes Spiegelbild, obwohl der Mann, dessen Hand immer schwerer zu werden schien, etwas älter zu sein schien und aus seinen Augen, die hart und unerbittlich auf ihn niedersahen, blanker Hass hervorblitzte.
"Und, was wollt Ihr mit mir tun, nun, da ihr mich habt?", fragte der Fremde. Er wollte gelangweilt klingen, aber es gelang ihm nicht so recht. Er wusste, das er den Spion Andrews vor sich hatte, der in seinen Kreisen als Meister seines Fachs bekannt war und nicht gerade für Gnade und Nachsicht. Der Fremde wusste also, dass es ihm an den Kragen gehen würde, wenn er nicht kooperieren würde. Aber ganz so schnell wollte er auch nicht aufgeben.
"Nun da gibt es zwei Möglichkeiten", erklärte der Spion süffisant. "Die eine Möglichkeit ist, dass wir einen hübschen kleinen Ausflug in meinem Boot machen werden, das gute Wetter genießen und ich dann wieder zurück fahre." Der Fremde verstand, was der Spion meinte, aber er ließ es sich nicht anmerken.
"Und, die zweite Möglichkeit?"
"Die zweite Möglichkeit ist für Dich etwas komfortabler und, wie soll ich sagen?, sie hätte einen günstigeren
Einfluss auf dein zukünftiges Leben. Wir würden einen kleinen freundlichen Spaziergang zu unserem Logenhaus unternehmen, in einem kleinen, gemütlich eingerichteten Zimmer einen kleinen Imbiss zu uns nehmen, vielleicht einen guten Wein trinken und ein kleines Pläuschchen halten, über mich und dich und deine Auftraggeber und über zwei hässliche Vorfälle, die sich hier jüngst ereignet haben."
"Und wenn ich mich weigere, etwas zu sagen?"
"Dann können wir uns immer noch über Option eins unterhalten. Ich denke, da werden wir schnell einig, zumal ich weiß, dass es zwei Dinge gibt, auf die ich mich in dieser Welt verlassen kann", sagte der Spion lässig, "Meine Fähigkeiten und mein Ruf. Ach und noch etwas." Der Fremde blickte den Spion entnervt an. Was konnte denn jetzt noch kommen? "Um dir einen kleinen Anreiz zu geben, kann ich dir versichern, dass unser kleines Tête-à-tête selbstverständlich unter uns bleibt und nicht in meinen – oder sollte ich sagen unseren? – Kreisen bekannt wird. Haben wir uns verstanden?"
"Ja.", sagte der Fremde gequält..
"Und wie ist deine Entscheidung? Schließlich hast Du die Wahl, wir sind ja keine Unmenschen, nicht wahr?"
"Der Spaziergang.", brachte der Fremde zwischen den Zähnen heraus. Er sah ein, dass er keine Alternative hatte.
"Oh wie schade. Und ich hatte mich doch so auf eine kleine Bootsfahrt gefreut", lächelte der Spion zurück.
"Na, vielleicht ein anderes Mal –", sein Lächeln verschwand, "oder später."
Es dauerte etwas, bis McDowell wieder zu Sinnen kam und er begriff, was er getan hatte. Doch als es soweit war lähmte ihn das blanke Entsetzen. Er sah wie versteinert zu wie die Flammen lustig und gierig am Holz des Hauses nagten und züngelten. Wie sie es fraßen und lachten. Ihn auslachten. Wie sie über seine Dummheit lachten und sich wanden. Leslie war sofort in das Haus gestürmt, aber es hatte bereits Feuer gefangen. McDowells Fackel muss eine der öllampen getroffen haben. Leslie musste sich durch die Flammen kämpfen. Wenn er seinen Sohn nicht retten könnte, dann – er konnte gar nicht daran denken. Er musste ihn retten. Der Qualm und die Hitze waren wie eine Wand. Er kam kaum vorwärts.
Die Menge vor dem Haus verstummte allmählich, nachdem der Schock über den schrecklichen Schrei die Worte des Fremden bedeutungslos gemacht hatte. Sie hatten ihre Fackeln gelöscht oder waren starr vor Schreck und Selbsterkenntnis. Von der Ruine eines Aristokratenhauses, etwas abseits des Marktplatzes, hörte man ein Jammern und Lamentieren "Mein eigenes Haus! Was habe ich getan?"
Leslie war an der Treppe angekommen. Aus einigen Stufen züngelten Flammen hervor. Aber er musste weiter. Sein Hut schützte seine Haare notdürftig, aber seine Brauen und sein Bart waren versengt. Er konnte kaum weiter. Jeder Schritt war eine Qual. Und doch musste er diese Treppe hinauf. Stufe für Stufe. Krach! Da brach die Stufe unter seinem Fuß weg. Er strauchelte. Aber er nahm alle Kraft zusammen, zog seinen Fuß aus dem klaffenden Loch in der Treppe, übersprang die Lücke und fiel auf der anderen Seite hin. Dort wäre er vor Erschöpfung fast liegen geblieben. Aber der Gedanke, seinen Sohn wenigstens ein letztes Mal zu sehen, bevor sie beide sterben würden, trieb ihn weiter.
Das Geräusch der berstenden Stufe holte McDowell aus seiner Trance zurück und brachte ihm seinen Verstand endgültig wieder. Er musste etwas tun. Wenn er irgendetwas von dem, was er gerade angerichtet hatte, wieder gutmachen wollte, dann war jetzt dafür der richtige, der einzige Zeitpunkt, den es je geben würde. Zum Bereuen würde später genug Zeit sein. Aber jetzt gab es noch Hoffnung, die beiden zu retten. Er humpelte zum Haus. Doch aus der Tür sprangen ihm schon die Flamen entgegen. Er musste eine andere Möglichkeit suchen.
"Schnell, Leute, schafft Eimer herbei. Wir müssen ihnen helfen.", rief er den Umstehenden zu und rannte, so gut es ihm sein Holzbein gestattete, los, um selbst Eimer zu holen. "Schnell beeilt Euch, kommt wieder zur Besinnung." Er zweifelte zwar am Erfolg seiner Worte, aber er wusste, dass er die Leute dazu bringen musste, zu helfen und den Brand zu löschen. "Und eine Leiter! Wir brauchen eine Leiter!" McDowell schaute sich um. Ganz in der Nähe war eine neue Baustelle. Er drückte dem nächsten den Eimer in die Hand, stapfte zur Baustelle und wollte die Leiter holen, da waren schon zwei Siedler hingelaufen und trugen sie jetzt zum Haus, wo sie eine sichere Stelle zum Anlehnen suchten.
McDowell sah, dass er weiter nichts tun konnte und reihte sich in die Kette ein, die sich gebildet hatte um die Wassereimer vom Markt zum Haus zu transportieren. Denn inzwischen war es unmöglich geworden, selbst durch das Fenster auch nur zu sehen, was im Haus vorging. Sie taten was sie konnten, aber sie brachten das Feuer nicht unter Kontrolle. Plötzlich gab es ein Quietschen und Knarren und dann fiel das erste Stockwerk in sich zusammen. Nun erst kam der Löschwagen. Mit seiner Hilfe gelang es, den Brand endlich zu löschen.
Die Mutter wollte sofort ins Haus, aber der Priester hielt sie in vorsichtshalber zurück. Sie mussten das Schlimmste annehmen und wussten nicht, welcher Anblick sich der Frau bieten, geschweige, ob sie ihn ertragen würde. Als einige Männer sahen sie, was ihnen jede Hoffnung raubte und der jungen Frau sicher das Herz gebrochen hätte: Das Erdgeschoss war völlig verkohlt, verbrannt, zerstört. Entmutigt stiegen sie die Treppe hinauf. Doch oben war alles zerstört. Die Wände des Zimmers, in dem der Junge so auf seine Genesung gehofft hatte, waren eingestürzt. Aber noch immer fanden sie keine Spur von Michael oder Leslie. Sie suchten weiter. Das Geröll und der Schotter des ehemaligen ersten Stockwerks bildete eine Art Hang, über den die Männer wieder nach unten, in den kleinen Keller des Hauses gelangten.
Dort fanden sie schließlich Vater und Sohn. Johnson hatte seine Arme schützend um seinen Sohn gelegt, bevor er das Bewusstsein verloren hatte. Sein Rock war völlig verkohlt und auf den ersten Blick schien es, als hätte er für die Such nach seinem Sohn mit dem Leben bezahlt. Dieser lag regungslos in den Armen seines Vaters. Die Männer waren bestürzt. War alles umsonst gewesen? Doch plötzlich schlug Michael die Augen auf. Er lebte.
"Der Junge lebt.", rief einer der Männer erleichtert hinaus. Da ließ sich die Mutter nicht mehr aufhalten.
Sie rannte ins Haus, flog die Treppe hinauf, fand die Männer und schloss Michael in ihre Arme und weinte vor Glück und Verzweiflung. Doch ihr Mann? Was war mit ihm? Kurz darauf waren wieder Schritte auf der Treppe hören. Sie knarrte bereits und ächzte unter der Last und erinnerte alle an die Gefahr, in der sie sich befanden. Alan, der Medikus, war gekommen. Er schaute sich kurz um und beugte sich dann über Leslie, um ihn zu untersuchen. Er legte sein Ohr auf dessen Brust und hoffte verzweifelt, noch einen Herzschlag zu vernehmen. Und tatsächlich war das Leben noch nicht ganz von Leslie gewichen. Aber er bedurfte dringend der Behandlung. Und er musste heraus aus diesem Haus, das ächzte und stöhnte und jeden Moment ganz in sich zusammenfallen konnte. "Bringt den Mann in eines der benachbarten Häuser. Dieses hier wird nicht mehr lange stehen. Und macht schnell. Und dann hinaus mit Euch allen." Leslie wurde hinausgetragen und die Mutter folgte.
Einer der Männer trug Michael. Als letzter verließ Alan das Haus und kaum, dass er die Türschwelle überschritten hatte, gab das Haus nach und begrub alles unter sich, was noch darinnen war.
Eine Woche später betrat Jorgensen unsicher den Gouverneurspalast von Andrew. Er wusste, dass Andrew ein mächtiger Gegner ist. Er hatte nie riskieren wollen, ihn zum Feind zu haben. Aber konnte er es jetzt noch verhindern? Was wusste Andrew über seine Logenaktivitäten? Wie sehr hatten die Aktionen ihn geschwächt? Was sollte er tun, wenn Andrew ihm offen den Krieg erklärt. Jorgensen hasste offene Konfrontationen und er ist in diesen Dingen nie gut gewesen. ängstlich und nervös betrat er den Amtssaal des Gouverneurs.
Andrew stand am Fenster und schaute auf die Statue, die wieder in der goldenen Mittagssonne funkelte.
Durch die Pest und den Aufstand war die Bevölkerung seiner Stadt stark dezimiert worden. Viele sind weggezogen, weil ihre Häuser eingestürzt waren oder um vor der Pest zu fliehen. So sehr es Andrew geschmerzt hatte, wie sehr seine Bevölkerung unter den Logenaktivitäten von Jorgensen hatte leiden müssen, so froh war er, dass dadurch die Versorgung wieder sichergestellt werden konnte. Neue, größere und in ihrem Betrieb günstigere Gebäude hatten vom Geld des Händlers dort gebaut werden können, wo die Ruinen der zerstörten Häuser abgerissen werden mussten. Die Bilanz war wieder positiv und die Lagerhäuser füllten sich beständig. Und Andrew würde den gleichen Fehler nicht noch einmal machen und sorgte nun für eine langsame aber stabile Entwicklung seiner Bevölkerung. Und trotzdem war da noch die Rechnung mit Jorgensen.
"Nun?", fragte Andrew, ohne sich umzudrehen. Jorgensen nahm seinen Hut ab und stammelte unsicher:
"Ihr wolltet mich sprechen, Andrew?"
"In der Tat, das wollte ich. Es gab auf meiner Insel in letzter Zeit einige … Vorfälle."
"Ich habe davon gehört", meinte Jorgensen in falscher Beflissenheit. "Welch unangenehmes Missgeschick Euch da widerfahren ist. Ich versichere Euch meines tiefsten Mitgefühls." Andrews Miene verfinsterte sich und er biss vor Wut die Zähne aufeinander, aber er drehte sich noch immer nicht um und sagte ganz ruhig:
"Tatsächlich, ja. Es könnten Missgeschicke gewesen sein. Purer Zufall. Unglückliche Ereignisse wie sie jedem zustoßen könnten, nicht wahr?"
"Naja, wie das bei Unglücken so ist", sagte Jorgensen und lachte nervös, "Eines kommt selten allein und man weiß nie, wen es trifft. Wenn ihr mich jetzt entschuldigen …"
"Ihr wagt es!", rief Adrew und drehte sich zu Jorgensen um "Auf meiner Insel, in meinem Haus solch freche Reden zu führen? Glaubt ihr denn, ich wüsste nicht, wer hinter diesen Katastrophen steckt?"
"Dann hat dieser Fridolino doch geplaudert", murmelte Jorgensen "Ich hätte ihm das nicht …", aber er verstummte, als ihm wurde bewusst wo er war und was er gerade im Begriff war zu tun.
"Was für ein Fridolino? Aber macht Euch nicht darum Sorgen, mir hat niemand etwas gesagt, außer meine eigenen Leute. Und die können genausogut eins und eins zusammenzählen wie ich selbst und – wie ich meine – auch ihr! Deshalb lasst uns nicht allzuviele unnötigen Worte verlieren. Ich weiß, dass ihr vorhattet, mich zu schwächen, um sicherzustellen, dass Euer Abkommen mit dem Chinesen ungefährdet ist. Zwar hatte ich Euch versichert, einen anderen Bündnispartner zu suchen, aber Ihr habt mir nicht getraut und diese schändlichen Anschläge auf meine Bevölkerung in Auftrag gegeben.
Wie dem auch sei. Ich werde Euch, so weh es mir tut, verzeihen müssen, denn wir sind hier in dieser Inselwelt vor allem darauf angewiesen zusammenzuarbeiten. Hört Ihr? Zusammen zu arbeiten! Aber ihr habt mich hintergangen und das kann ich nicht ungesühnt lassen. Deshalb stelle ich Euch nun vor die Wahl: Löst Euer Bündnis mit dem Chinesen und sucht Euch, wenn ihr es vermögt, einen neuen Verbündeten.
Andernfalls werde ich, so wahr ich hier stehe, ihn Euch als Bündnispartner wieder abjagen.
Ich werde meinen Botschafter in einer Woche zum chinesischen Handelsposten entsenden. Und ich wünsche, dass Liang Wu dann nach einem neuen Bündnispartner sucht. Und ich verlange einen Tribut von Euch, als Geste des guten Willens. Sonst, das ist Euch ja sicherlich klar, könnte auch Euch so ein böses Missgeschick ereilen, wie es mich ereilt hat. Wie Ihr schon sagtet, man weiß nie, wen es trifft …
Also, was sagt ihr?"
Zähneknirschend willigte Jorgensen ein, den Tribut zu entrichten und dem Chinesen den Bündnisvertrag aufzukündigen. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Als er gegangen war, ließ Andrew seinen Botschafter zu sich rufen und eröffnete ihm, dass er sich, in Begleitung eines Dolmetschers, in einer Woche zum chinesischen Handelsposten aufmachen solle, um dort einen Bündnisvertrag mit dem Chinesen abzuschließen. Wilbur war außer sich vor Begeisterung, als er das hörte, machte einen Luftsprung und gab, weil er nicht wusste, wohin mit seiner Freude, dem verdutzten Gouverneur einen Kuss auf die Wange und verschwand durch die Tür noch ehe der Gouverneur ihn hätte verabschieden oder fragen können, worüber der junge Meanweather sich plötzlich so übermäßig freute. Aber er würde es bald genug erfahren.
In der Stadt kehrten wieder Frieden und Freude ein und auch ein bisschen Ruhe. Manchmal, dachte sich Andrew, als er durch das Fenster auf die golden glitzernde Staute blickte, manchmal ist etwas Ruhe doch auch nicht so schlecht. Die Johnsons erholten sich unter Alans Pflege wieder und bekamen vom Gouverneur höchstpersönlich ein neues Haus geschenkt, das genau an der Stelle gebaut wurde, wo ihr altes eingestürzt war.
Und McDowell? Nun, er hat sich bei den Johnsons entschuldigt und ihnen seinen ganzen Besitz als kleinen Versuch einer Wiedergutmachung schenken wollen, so wenig es auch gewesen zu sein schien.
Aber die Johnsons haben abgelehnt und meinten, dass sie genug zum leben hätten. Und sie haben ihm verziehen. Denn sie wussten, dass auch brave Menschen hin und wieder zu bösen Taten verleitet werden können.
"Aber ein Versprechen, McDowell", meinte Leslie, als McDowell sich schon verabschiedet hatte und gehen wollte, "Ein Versprechen muss ich Euch noch abnehmen."
"Jedes, Sir. Ihr allein wisst, wie tief ich in Eurer Schuld stehe."
"Wenn mein Sohn alt genug ist, nehmt ihn auf die eine oder andere Fahrt mit. Er ist fleißig und aufgeweckt und liebt nichts so sehr wie Schiffe. Nehmt ihn mit und zeigt ihm die Welt und das Abenteuer.
Aber passt gut auf ihn auf. Das müsst Ihr mir versprechen.
"Nur allzu gern.", erwiderte McDowell und seit langer
Zeit huschte das erste Lächeln wieder über sein bärtiges
Gesicht. "Das verspreche ich!"
Und als er zu seinem Schiff zurückkehrte dachte er daran, wie
sehr er selbst die Schiffe geliebt hat. Und wie er sie heute noch
liebte. Und die See. Und er freute sich auf eine lange, ereignislose
überfahrt, in der er genug Zeit und Ruhe haben würde, sich neue
Geschichten von fremden Inseln, unheilvollen Seeungeheuern und den
schönsten Meerjungfrauen auszudenken, um davon zu erzählen.
Und er dachte daran, dass er endlich wieder zu seiner Pirateninsel segeln können würde …

Autor: Horst E. aus Braunschweig

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