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Geschichte Nummer 2

Der alte Herzog

Es war ein milder Herbsttag im Jahre des Herrn 1563. Ich schritt durch einen der langen Gänge unseres Schlosses, in der Bibliothek traf ich auf Krimhild, unsere Haushofdame, welche auch meine Amme gewesen war. "Krimhild, treue Seele!", rief ich, "mein Vater schickte nach mir, wo vermag ich ihn wohl zu finden?" -  "Edler Herr", antwortete sie, "er weilt draußen in den Gärten, am Grab Eurer Mutter." Obwohl nun schon einige Jahre ins Land gegangen waren, seitdem Gott, der Herr, meine Mutter zu sich gerufen hatte, überfiel mich immer noch eine große Traurigkeit, wenn ich mich ihrer erinnerte. Zu früh musste sie von uns gehen. Ich trat also nicht frohen Mutes nach draußen, begab mich aber an jenen Ort, an dem unter zwei prächtigen Eichen das Grab meiner Mutter lag. Sie liebte die Natur und bestand darauf, hier ihre letzte Ruhestätte zu finden.
Da stand mein Vater, der weise und gerechte Herzog, in stummes Zwiegespräch vertieft. Ich zögerte einen Moment, bevor ich näher trat, er dreht sich um, als er meine Schritte hörte. "Heinrich, mein Sohn", sagte er, "wie freue ich mich, dich zu sehen. Ich bat dich, zu kommen, weil es mich drängt, dir etwas zu sagen, bevor es zu spät ist. Sieh, der Glanz meiner Augen wird matter und die Kraft schwindet aus meinen Gliedern und der Tag wird wohl nicht mehr allzu fern sein, an dem ich das Schicksal unseres Landes in deine Hände legen werde." - "Vater!", rief ich, aber mit einer Handbewegung schnitt er mir das Wort ab. "Es ist nicht nötig, zu klagen, das ist das Schicksal eines jeden Menschen und ich hatte ein erfülltes und trotz mancher Last und Plage auch ein glückliches Leben." Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort.
"Schon viele Geschichten hörtest du aus meinem Leben, wie ich als Knabe den Erzählungen eines alten Seebären lauschte, wie ich später selbst als Jüngling die Segel setzte, um nach neuen Ländern, Abenteuern und Ruhm zu suchen und wie ich meine geliebte Katharina, welche auch deine Mutter war, aus den Klauen ihres Onkels von Breitenstein und seines schurkischen Vasallen De Freeren befreite."
Ich nickte zustimmend und wurde dabei immer neugieriger, was jetzt wohl noch folgen möge. Weiter sprach mein Vater: "Ich erzählte dir auch, dass von Breitenstein damals bei den Kämpfen sein Leben ließ... nun, das ist nicht die ganze Wahrheit." Ich war nun auf das höchste gespannt. "Ich und meine Kampfgefährten drangen in von Breitensteins Festung ein und es war ihm unmöglich, zu entkommen. Im Rittersaal war sein Weg zu Ende und ich stand schon mit erhobenem Schwerte bereit, ihm den tödlichen Hieb zu versetzen. Da hörte ich die Stimme deiner Mutter: 'Haltet ein, ich bitte Euch! Er hat viel Böses getan, aber er ist doch mein Onkel!' Ich drehte mich um und sah in ihre Augen. Ihr flehentlicher Blick und der Klang ihrer Stimme ließen mein Herz erweichen, wie hätte ich da noch zum Henker werden können. Ich wandte mich wieder ihrem Onkel zu, senkte mein Schwert und sprach: 'Wohlan, von Breitenstein, ich will Gnade walten lassen, Eurer Nichte seid Ihr zu großem Dank verpflichtet. Ihr allein verdankt Ihr Euer Leben. Aber ich enthebe Euch aller Eurer ämter und verbanne Euch nach Rio Koco, einer kleinen Insel, die vor kurzer Zeit in den karibischen Meeren entdeckt wurde. Denkt dort über Eure Schandtaten nach, aber wagt es nicht, Euren Fuß noch einmal in meine Ländereien zu setzen!' Nun, das war ein wenig kühn von mir gesprochen, allzu viele Ländereien besaß ich damals noch nicht, aber das sollte sich ändern...
Katharina warf mir einen dankbaren und auch liebevollen Blick zu, der mein Herz höher schlagen ließ. Nicht lange dauerte es, bis wir uns unsere Liebe gestanden und die Vermählung beschlossen wurde. Der König selbst beehrte uns mit seiner Anwesenheit und am Tage meines höchsten Glückes erhob er mich in den Stand eines Herzogs und sprach mir sämtliche Besitztümer von Breitensteins zu. Kein Mann hätte je glücklicher sein können, als ich an jenem Tage, aber schon bald sollten dunkle Schatten auf dieses Glück fallen.
Kaum ein Jahr war vergangen, da ereilten mich schreckliche Nachrichten. Von Breitenstein entfloh seiner Verbannung und konnte sich eines Schiffes bemächtigen, einige Lumpen als Spießgesellen zu gewinnen war nicht schwer und er überfiel die Insel Ticonderas, die ebenfalls in den karibischen Gewässern zu finden ist. Diese Insel gehörte zu meinen Entdeckungen und ich hatte meinen Bruder Maximilian dort zum Statthalter gemacht, um die Besiedlung voranzutreiben. Er stand mit seiner Aufgabe noch am Anfang, die Insel war nur schwach befestigt und so hatte von Breitenstein leichtes Spiel. Viele fanden den Tod, darunter auch mein geliebter Bruder. Ein Gefühl der Ohnmacht und unbändiger Zorn stiegen in mir auf. 'Dieser elende Schurke!', schrie ich, 'das soll er mir büßen!' Deine Mutter trat an meine Seite, blickte mich an, sagte aber kein Wort. Sie wusste, es wäre sinnlos gewesen, dieses Mal war ihr Onkel zu weit gegangen. Eiligst scharte ich einige Gefährten um mich und ließ ein Schiff ausrüsten. Katharina beschwor mich, nicht in blindem Hass zu handeln, aber mein Zorn trieb mich fort.
Nach einigen Wochen erreichten wir Ticonderas und fanden die schlimmsten Nachrichten bestätigt. Die Siedlung lag in Trümmern und nur wenige Bewohner waren noch am Leben. Stumm trat ich an das Grab meines Bruders und schwor ihm, nicht eher zu ruhen, als bis der Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt war. Während ich noch andächtig kniete, ertönte vom Hafen, oder besser von dem, was noch von ihm übrig war, ein Schreckensruf. Zwei Schiffe hatten sich unbemerkt genähert und steuerten nun geradewegs auf uns zu. über einem Schiff wehte das Totenkopfbanner – Piraten! Aber wem gehörte das andere Schiff? Keine Zeit, um nachzudenken. Wir eilten zum Schiff, konnten aber nicht mehr auslaufen und mussten uns dem Gefecht im Hafen stellen. Nun sah ich auch, wer uns da noch auflauerte, an Deck des zweiten Schiffes konnte ich die Gestalt von Breitensteins ausmachen, dieser Halunke hatte sich also mit Piraten verbündet und mir eine Falle gestellt!
Wir hatten das bessere Schiff, aber die ungünstige Position und die übermacht gerieten uns zum Nachteil. Es entbrannte ein harter Kampf, den wir nur mit großer Mühe überstanden. Zu Hilfe kam uns, dass sich die Piraten als schlechte Verbündete erwiesen und angesichts der Gegenwehr recht bald das Weite suchten. So kam es, dass auch von Breitenstein kurz darauf den Kampf aufgeben musste und sich zurückzog.
Ich atmete auf, aber zur Freude bestand wahrlich kein Anlass. Mein Schiff war fast gänzlich zerstört und konnte nur mühsam vor dem Sinken bewahrt werden. Viele meiner Getreuen fanden den Tod und auch ich selbst war verwundet. Ich schalt mich einen Narren, weil ich so leichtfertig den Tod meiner Gefährten verschuldet hatte und von Breitenstein entkommen lassen musste. Das sollte nicht noch einmal geschehen! Es dauerte einige Wochen, bis ich soweit genesen und das Schiff wieder hergestellt war, dass wir die Rückreise antreten konnten.
Wie froh war ich, als ich mein Schloss wieder erblickte und deine Mutter in die Arme schließen konnte. Sie hatte sich bereits große Sorgen gemacht. Viel Zeit füreinander hatten wir nicht, meine Mission musste beendet werden. Ich schickte nach meinen besten Admirälen und versammelte die besten Männer. Wir rüsteten drei Kriegsschiffe aus - und ein kleines Handelsschiff. Von Breitenstein in den karibischen Gewässern zu suchen konnte viele Monate dauern, mit diesem Köder bekamen wir ihn vielleicht schneller zu fassen. Beim Abschied blickte deine Mutter sorgenvoll drein. 'Keine Angst', sagte ich, 'dieses Mal werde ich besser aufpassen.' Sie meinte, nicht nur der bevorstehende Kampf würde ihr Sorgen bereiten, aber ich war in Gedanken schon auf hoher See, so dass ich nicht auf ihre Worte einging und mich rasch verabschiedete.
Wieder nahmen wir Kurs auf Ticonderas, dieses Mal wählten wir aber eine andere Route, denn es war wichtig, unbemerkt dort anzukommen. Es gelang und wir versteckten die drei Kriegsschiffe in einer kleinen Bucht, während ich auf dem höchsten Punkt der Insel, von wo aus man einen guten Ausblick hatte, Posten aufstellen ließ. Das Handelsschiff lief zum Hafen, die Männer luden einiges Material aus und fingen an, die Siedlung wieder aufzubauen. Die List gelang! Die neue Geschäftigkeit blieb nicht lange verborgen, zwei Reisende, die sich als Kaufleute ausgaben, besuchten die Insel. Ich hatte sie gleich im Verdacht, von Breitensteins Späher zu sein und so erzählten wir ihnen freimütig von unseren mitgebrachten Reichtümern. Und richtig: nach ihrer Abreise dauerte es nur 10 Tage, bis am Horizont Segel zu sehen waren - von Breitenstein und die Piraten, diesmal glaubten sie, weniger Mühe zu haben.
In großer Eile begab ich mich an Bord, ließ alle Schiffe Segel setzen und die Männer kampfbereit machen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, der Angriff stand kurz bevor, aber unsere Feinde hatten nur Augen für ihr Ziel, so dass sie uns erst gar nicht bemerkten. Als ich aber die erste Breitseite abfeuern ließ, merkten sie schnell, was die Stunde geschlagen hatte. Dieses Mal gab es kein Entkommen! Die Piraten wurden mit Mann und Maus versenkt und auch von Breitensteins Schiff war nach kurzer Zeit bereit zum Entern. Ich schwang mich hinüber und suchte nach dem Schurken, wehe dem, der sich mir in den Weg stellte, meine Hiebe trafen sie alle. Auf dem Achterdeck standen wir uns schließlich gegenüber.
'Hund!', rief ich, 'so dankst du mir meine Gnade!' und drang auf ihn ein. Nun, der Kampf war kurz, er war meiner ungestümen Jugend nicht gewachsen und bald lag er vor mir auf dem Boden - um Gnade winselnd. 'Nach alledem wagst du es, mich um Gnade zu bitten?', fuhr ich ihn an, 'hier hast du meine Antwort!' Tief bohrte sich mein Schwert in seinen Leib und die Welt war von diesem Unhold befreit. An diesem Tag kannte ich keine Milde, alle wurden sie hingerichtet und von Breitensteins Schiff versenkt."
Mein Vater hielt inne, die Erzählung hatte ihn sehr erregt. Ich blickte ihn erstaunt an, so kannte ich ihn gar nicht. Er bemerkte meinen Blick. "Ja", sagte er, "so ähnlich blickte mich deine Mutter damals auch an. Ich kehrte im Triumphzug zurück, aber als ich ihr entgegentrat, sah ich in ihrem Gesicht keine Freude. Ich fragte sie nach dem Grund und sie antwortete: 'Du kehrst zurück als Sieger, ich gräme dir nicht, dass du meinen Onkel erschlagen hast, er hat sein Leben verwirkt. Aber obwohl dein Schwur erfüllt und die Rache getan ist, sehe ich in deinem Gesicht Verbitterung und spüre immer noch großen Zorn. Bist du noch der, an den ich einst mein Herz verlor?'
Ich wusste darauf nichts Rechtes zu sagen und ließ sie wortlos stehen. In der folgenden Nacht konnte ich keinen Schlaf finden und als der Morgen graute, musste ich mich wiederum einen Narren schelten. Wollte ich wirklich wegen der Geschehnisse die Liebe meiner Katharina aufs Spiel setzen? Nein, das konnte, das durfte nicht sein! Wollte ich Hass und Verbitterung zu meinen obersten Ratgebern ernennen? Konnte man mit so verstocktem Herzen ein guter Herrscher sein? Abermals nein, nein, nein! Mein Bruder und viele meiner Gefährten waren tot, nichts macht sie mehr lebendig. Aber meine Katharina lebt und mein Volk lebt und verlangt nach einem starken, aber auch gütigen und gerechten Herrscher.
Ich suchte deine Mutter auf und sprach mit ihr darüber und als sie merkte, dass ich zur Besinnung kommen wollte, lächelte sie. Und dieses Lächeln zauberte den ersten Sonnenstrahl seit langem in mein Herz, glücklicherweise sollten noch viele folgen. Nun, wie du weißt, besteht das Leben nicht nur aus Sonnenschein und so will ich dir nicht verschweigen, dass auch bei uns so manche Gewitterwolke aufzog und nicht alles, was ich tat, hat deiner Mutter gefallen. Aber ich hörte auch so manches Mal auf ihren Rat, denn sie war nicht nur eine schöne, sondern auch kluge Frau und ohne sie wäre ich wohl kaum der, der ich heute bin.
Nicht jedem ist solch ein Glück beschieden, darum habe ich dir dies erzählt und
möchte, dass du dir folgende Worte bewahrst: dein Arm muss stark sein, aber benutze
ihn niemals ohne einen wachen Verstand und vergiss nicht, Güte und Gerechtigkeit
in deinem Herzen wohnen zu lassen. Und nun geh und lass mich allein, ich bin müde und
möchte ruhen."
Die Worte meines Vaters hatten mich tief beeindruckt, stumm kam ich seiner Bitte nach und
verließ ihn. Ich schwor mir, nichts von dem zu vergessen, was ich gehört hatte, und
ein weiser und gerechter Herrscher zu werden, aber ich hoffte auch, dass dieser Tag noch
fern sein möge...

Autor: Michael S.

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