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Geschichte Nummer 12

Im Dienste Ihrer Majestät

Brian McDougal genoss sein Frühstück. Soweit man bei einem Stück versalzenem Fisch vom Vorabend überhaupt von Frühstück sprechen konnte. Nachdenklich betrachtete er das Siegel auf dem Brief vor sich. Er wandte sich zu den Fenstern um und musterte das Wasserzeichen der königlichen Admiralität, den Wortlaut des Briefes hätte er im Schlaf aufsagen können…Im Namen Ihrer Majestät…erhalten Sie durch selbiges Schreiben den Auftrag und die Befugnis…Freibeuter im Dienste Ihrer Majestät der Königin zu sein hatte durchaus seine Reize und Vorteile, ein gutes Frühstück gehörte heute jedoch nicht dazu. McDougal verstaute den Brief in einer Tasche aus öltuch und schritt seine Kabine ab. Er stützte sich auf eine der beiden Vierpfünder mit denen er seine Kajüte teilen musste und betrachtete den Horizont. Nein, es waren keine Segel in Sicht… Trotz der beiden Heckkanonen bot die Kajüte der kleinen Brigg mehr Raum, als er je während seiner Dienstzeit in der königlichen Marine sein eigenen nennen durfte. Er war ein fähiger Seemann, schließlich fuhr er seit seinem zwölften Lebensjahr zur See. Doch obwohl er das Leutnantsexamen ablegte, mangelte es ihm an den richtigen Verbindungen, um auch ein Patent zubekommen. Nach einigen Jahren als Mastersgehilfe nahm er seinen Abschied und verließ so die Sackgasse seiner militärischen Karriere, um seine Talente anders zu nutzen. Wie sich herausstellte, sollte dies eine seiner besten Entscheidungen sein….zumindest bis vor 10 Tagen.

McDougal überwachte vom Deck aus, wie die letzten Fässer mit frischem Trinkwasser verladen wurden. Mit etwas Glück würde die Falcon noch heute abend auslaufen können. Die kleine zweimastige Brigg mit dem kupferbeschlagenen Schiffsrumpf, der ihr auch den Spitznamen Copper Falcon eingebracht hatte, lag nun schon seit Tagen im Hafen von Port Adam. Winfried von Schallert, Gouverneur von Port Adam und Repräsentant Ihrer Majestät in diesem Teil der Welt, war ein typisches Beispiel arroganter Hochnäsigkeit, wie er nur dem alten Adel entspringen konnte. Er verkörperte jene Art herablassender Autorität, die McDougal in seiner militärischen Karriere einige Türen hätte öffnen können, doch nun bedeutete er für ihn mehr, als die ein oder andere Empfehlung an der richtigen Stelle. Als Repräsentant der Königin, lag es in seinem Aufgabenbereich die Prisengelder für die erbeuteten feindlichen Schiffe auszuzahlen. Beim Gedanken an das ausgezahlte Prisengeld umspielte ein Lächeln McDougals Lippen, abzüglich des Anteils für die Mannschaft, den üblichen Bestechungsgelder an den Hafenmeister und einige andere Offizielle blieb noch genug Geld, um ein paar neue Zwölfpfünderkanonen zu kaufen. Und er hatte noch den Anteil, der ihm am Verkauf der erbeuteten Waren zustand, feinster Tabak von Francois Batailles Tabakplantagen, fast ebensoviel wert, wie das Schiff, das ihn transportierte. 3 Monate hatte er die Schiffahrtsrouten der Tabakhändler gekreuzt.
Seit Carmen Marquez und die Piraten ihre Aktivitäten nach Süden ausgeweitet hatten, war es schwieriger geworden einzelne Schiffe anzutreffen. Im Gegensatz zu den Piraten musste McDougal darauf achten die Handelsschiffe im Feuergefecht nicht zu sehr zu beschädigen, schließlich mussten sie noch seetüchtig genug sein, um samt Fracht und Mannschaft nach Port Adam oder einen anderen im Namen der Königin regierten Hafen segeln zu können. Dort wurde die Ware dann verkauft, die Mannschaft in den Dienst auf einem anderen Schiff gepresst und das geenterte Schiff trat mit einem neuen Anstrich unter der Flagge Ihrer Majestät seinen Dienst an. Im Gegenzug war McDougal vor Angriffen der königlichen Flotte geschützt, denn in den Augen der öffentlichkeit war ein Freibeuter zwar nur wenig mehr als ein Pirat, doch handelte er im Auftrag und mit Genehmigung der Königin, die aus dem Verkauf der erbeuteten Waren den Staatshaushalt aufbesserte.
Um ihre wertvolle Fracht besser zu schützen hatten die Tabakhändler ihre Schiffe angewiesen die Transportrouten weiter nach Süden zu verlagern. Das bedeutete zwar, dass die Schiffe länger unterwegs waren, doch umgingen sie somit die Piraten, die wenig Wasser und Proviant mitführten, um ihre Schiffe leicht und wendig zu halten, sich aber selten weit von ihrem
Heimathafen entfernen konnten.
Nachdem McDougal fast einen Monat die üblichen Tabakrouten gekreuzt hatte ohne dass sich ein Handelsschiff zeigte, ließ er Kurs Süd-südwest setzen. Nach einer weiteren Woche rief der Ausguck eines morgens endlich die erlösenden Worte und meldete Segel steuerbord voraus. Doch die Freude währte nur kurz, denn es wurden noch mehr Schiffe gesichtet. Die Handelsschiffe hatten sich zu einem Konvoi zusammengeschlossen und suchten Schutz in der Gruppe. Die meisten Kapitäne der Handelschiffe hatten keine militärische Ausbildung und waren das Manövrieren in der Flotte nicht gewohnt. Jede Kursänderung stellte eine Herausforderung dar und McDougal konnte mehr als einmal beobachten, wie eines der Schiffe aus der Formation ausbrach und nur mit Mühe wieder seinen Platz einnehmen konnte. Die meisten Handelsschiffe waren nur leicht bewaffnet, trotzdem war es zu riskant mit der kleinen Brigg die Formation aufzubrechen. Die sonst so furchtsamen Handelsschiffkapitäne könnten sich durch die Anwesenheit ihrer Kameraden bestärkt fühlen und sich einem offenen Kampf stellen, statt ihr Glück wie üblich in der Flucht zu versuchen. Ein einzelnes Handelsschiff konnte der Falcon nur bedingt gefährlich werden, aber in einer Gruppe von ihnen konnte sie leicht eine Breitseite kassieren. Die Stimmung der Mannschaft war erwartungsvoll angespannt und bei einigen waren Enttäuschung und Unmut deutlich im Gesicht zu lesen als McDougal den Befehl zur Kursänderung gab und die Falcon sich langsam westwärts vom Konvoi entfernte. Zwei weitere Konvois musste McDougal in den nächsten Tagen unbehelligt passieren lassen. Tag um Tag kreuzte die Falcon und mit jeder Seemeile, die sich zurücklegte, wuchs auch die Anspannung der Mannschaft weiter. Für eine Mannschaft gibt es nichts Schlimmeres als Nichtstun…das wusste McDougal noch aus seiner Zeit in der königlichen Flotte. Eine unbeschäftigte Mannschaft hat zuviel Zeit, sich über Gott und die Welt Gedanken zu machen, und früher oder später wird auch der Führungsstil des Kommandanten in diese Erwägungen miteinbezogen und irgendwann ist jemand der Meinung diese Position besser ausfüllen zu können und scharrt Leute um sich, die diese Meinung teilen. Eine unbeschäftigte Mannschaft  ist der erste Schritt zur Meuterei. In der Marine wurde diesem Zustand mit wenig Schlaf und täglichen Schießübungen und Drills entgegengewirkt, doch die meisten Seeleute der Falcon hatten eine eher zweifelhafte Vergangenheit und würden sich mit Trockenübungen nicht zufrieden geben.
Selbst das Wetter schien sich gegen McDougal gewendet zu haben. Ein kleiner Sturm, ein erster Vorbote der bald aufkommenden Herbststürme, hatte in den letzten beiden Tagen gewütet und strömenden Regen mit sich gebracht.
Ein energisches Klopfen an der Tür riss McDougal aus seinen Gedanken. Whitehall, auf einem Kriegsschiff hätte er die Position des Ersten Offizieres inne gehabt, stand keuchend in der Tür. „Der Ausguck meldet Segel knapp über der Kimm backbord voraus!“ Egal, ob es ein Konvoi oder ein einzelnes Handelsschiff war, diesmal würde McDougal zumindest einen Versuch wagen müssen, wollte er die angespannte Situation nicht noch weiter aufheizen. Befehle brüllend eilte er durch die niedrigen Gänge an Deck und enterte nur in Hosen gekleidet zum Großtopp auf. Sein Herz schlug schneller, nicht durch die Anstrengung des Aufstiegs, sondern wegen dem, was er durch sein Fernrohr beobachten konnte. Ein kleiner Dreimaster glitt schwermütig durch die Wellen. McDougal erkannte das Heck des Schiffes, er hatte es erst vor kurzem gesehen. Es war eines der Schiffe aus dem letzten Konvoi, doch es gab kein Anzeichen weiterer Schiffe. Er konnte sich deshalb so gut daran erinnern, weil es das einzige Schiff des Konvois war, das unter der Flagge von Francois Bataille segelte. Alle anderen Schiffe segelten unter der Flagge von Victor LeRoi. Ein genauer Blick offenbarte den Grund seiner plötzlichen Einsamkeit, eine der Bramstengen war beschädigt worden. Wahrscheinlich hatte sie während des letzten Unwetters Schaden genommen. Die Reparatur verlangsamte die Fahrt des Handelsschiffes und die furchtsamen Kapitäne wollten lieber ihre eigene Ware in Sicherheit bringen, als sich und ihre Ladung durch das Warten auf ein fremdes Schiff in Gefahr zu bringen. Behände ließ sich McDougal vom Großtopp herab und gab die Befehle zur Kursänderung. Batailles Handelsschiff hatte die drohende Gefahr mittlerweile ebenfalls entdeckt. Unter normalen Bedingungen hätte der größere Dreimaster besser am Wind segeln können und wäre der Falcon vielleicht entkommen, doch die fehlende Bramstenge schränkte die Bewegungsfreiheit des großen Schiffes ein. McDougal kreuzte das Kielwasser des Handelsschiffes und kam so auf die Luv-Seite, damit hatte er den Vorteil auf seiner Seite. Er ließ alle Mann in Gefechtsbereitschaft rufen und die Kanonen klar machen. Die Falcon schloss immer näher auf. McDougal hatte befohlen hoch zu schießen. Er wollte die Takelage treffen und verhindern, dass der Rumpf des Schiffes Schaden nahm. Das folgende Feuergefecht war kurz und einseitig. Dem Kapitän des Handelsschiffes war klar, dass er nicht entkommen konnte und seine Bewaffnung würde nicht ausreichen, um dem feindlichen Schiff gewachsen zu sein. Außerdem war seine Mannschaft an den Waffen nicht sehr eingespielt und jeder Treffer eher Zufall, denn wirkliches Können. Sobald er sich davon überzeugt hatte, dass es sich bei den Verfolgern nicht um Piraten handelte, ließ er nach einem kurzen Schlagabtausch das Signal zur Kapitulation setzen. Die Freibeuter würden das Schiff übernehmen und mit den richtigen Mitteln würden sie sich dazu überzeugen lassen, ihn einfach laufen zu lassen. Sein Leben für die Waren eines andern zu riskieren lag nicht in der Absicht des Kapitäns. An Bord der Falcon wurde der Donner der Kanonen durch das Jubelgeschrei der Besatzung abgelöst als sich die Flaggen am Signalmast des Handelsschiffes entrollten. „Whitehall, setzten sie mit einem Entertrupp über. Lassen sie die Bramstengen in Ordnung bringen und dann sollten wir machen, dass wir hier weg kommen. Kurs auf Port Adam.“

Das Wasser war gebunkert und McDougal trat auf das Vordeck, um die neuen Zwölfpfünder zu inspizieren, die dort vertäut wurden. Mit der nächsten Flut würde die Falcon auslaufen. Die Ernte der Tabakplantagen war bald beendet und die letzten Handelsschiffe waren unterwegs, um ihre Fracht sicher nach Hause zu bringen. Bald würden die aufkommenden Herbststürme das Segeln erschweren. McDougal ließ Kurs nach Süden setzten, er wusste jetzt, wo die neuen Routen der Handelsfahrer verliefen und hoffte darauf noch eines der letzten Schiffe aufbringen zu können.

Schon nach einer Woche meldete der Ausguck Segel am Horizont. Ein einsamer Dreimaster zog dort seine Bahnen. Voller Vorfreude ließ McDougal Kurs setzten, doch etwas an dem Schiff gefiel ihm nicht. Es war etwas kleiner als ein gewöhnliches Handelsschiffs und es lag nicht so tief im Wasser, wie er es bei einem vollbeladenen Handelsschiff erwartet hätte. Als sich die Falcon näherte erkannte McDougal, warum ihm das Schiff seltsam vorkam. Es war kein Handelsschiff, sondern ein Linienschiff, wahrscheinlich mit doppelt so hoher Feuerkraft und doppelt soviel Besatzung ausgestattet wie die Falcon. McDougal ließ ein wenig abfallen, um sich außer Reichweite des fremden Schiffes zu halten und gab den Befehl die königliche Flagge zu hissen – ein kleines Ablenkungsmanöver um zu sehen, mit wem er es da zu tun hatte. Kaum wehte das königliche Banner von seinem Großmast wurde es auch bei dem anderen Schiff gehisst, doch das überzeugte McDougal keineswegs. Er ließ eines der Erkennungssignal setzen- für etwas mussten die Bestechungsgelder doch gut sein – und wartete gespannt auf die Antwort des fremden Schiffes. Am Signalmast wurden die Antwortflaggen entrollt, natürlich die falschen, und McDougal gab augenblicklich Befehl zum Wenden. Wer immer das war, er war sicherlich kein Schiff der königlichen Flotte. Während die Falcon sich abwendete, krachten die ersten Schüsse des gegnerischen Dreimasters ein wenig entfernt ins Wasser. Noch befanden sie sich außer Reichweite, aber sie mussten schnell Fahrt aufnehmen, damit das auch so bliebe. Der Dreimaster setzte mehr Segel und von seinem Großmast entrollte sich die Flagge: Es war ein Schiff von Francois Bataille.
Die leichte Brise, die an diesem Morgen wehte genügte dem massigen Kriegsschiff nicht, um genügend Fahrt aufzunehmen und die Falcon konnte sich langsam aber sicher entfernen. Gegen abend waren die Segel des gegnerischen Schiffes außer Sichtweite, McDougal lies neuen Kurs setzten. Er war dem übermächtigen Gegner zwar noch einmal entkommen, aber er wollte so viele Seemeilen wie möglich zwischen sich und einen sicherlich wenig erfreuten Bataille bringen.

Doch der nächste Morgen brachte unangenehme überraschungen mit sich. Im ersten Licht des frühen Tages konnte der Ausguck am Horizont fremde Segel erblicken. Hätte McDougal schnell genug reagiert, hätte es ihm vielleicht gelingen können die Segel einzuholen und in der trüben Morgenluft unentdeckt zu bleiben. Doch ein Beidrehen des fremden Schiffes zeigte deutlich, dass auch dort die Segel am Horizont bemerkt worden waren. McDougal ließ mehr Tuch setzten und hoffte, sich außer Sichtweite des Verfolgers bringen zu können. Der Wind hatte in der letzten Nacht deutlich aufgefrischt und am Horizont zeigten sich schon die ersten Anzeichen eines aufkommenden Sturmes. Der stärkere Wind nutzte dem gegnerischen Schiff mehr als der Falcon und Stunde um Stunde verringerte sich der Abstand zwischen Jäger und Beute. Das Schiff war mittlerweile so nahe herangekommen, dass McDougal den Schriftzug mit seinem Fernrohr erkennen konnte. Es war die Liberté. Vor der Falcon baute sich eine Schlechtwetterfront auf, schwarze Wolken verdunkelten den Horizont, der Wind wurde böiger und prasselnder Regen fiel herab. Von Zeit zu Zeit verschwand die Liberté in einer Regenwand, nur um kurze Zeit später näher wieder aufzutauchen. Es wurde langsam dunkel, soweit man das in der Finsternis, die der Sturm verursachte überhaupt sagen konnte. Wenn die Falcon ihren Vorsprung bis zum Einbruch der Nacht halten würde, könnte sie vielleicht im Schutz der Dunkelheit entkommen. Es war Neumond und auch ohne den Sturm würde die Nacht tiefschwarz sein. Bataille schien diesen Gedanken zu teilen und ließ trotz des stürmischen Windes mehr Segel setzten. Er kam bis auf Schussweiter heran und drehte bei, um der Falcon eine Längsseite zu verpassen. Auch McDougal ließ seine Kanonen laden und machte sie schussbereit. Der starke Wellengang machte das Zielen schwierig und Batailles Schüsse landeten etwas zu kurz im Wasser. Ein Querschläger hüpfte über die Wasseroberfläche und traf das Heck der Falcon. Das Geräusch splitternden Holzes wurde durch das Donnern der Kanonen und des Sturmes übertönt. Doch die Liberté konnte nur einige Salven abgeben, bevor sie wieder außer Reichweite war. Durch das Beidrehen hatte Bataille sie zwar in eine günstigere Schussposition gebracht, aber verlor auch an Fahrt verloren. McDougal nutzte die höhere Geschwindigkeit der Falcon, um sich abzusetzen und sich in der rettenden Dunkelheit zu verstecken. In dieser Nacht waren an Bord der Falcon keine Laternen erlaubt, nicht einmal die abgeblendeten Laternen der Nachwachte. Die Falcon durfte auf keinen Fall von der Liberté gesehen werden.
Die Kugel hatte in Loch in die Schiffswand geschlagen und der Schiffsrumpf stand schon 3 Fuß voll Wasser. Der Zimmermann versuchte das Leck notdürftig zu verschließen und alle anderen Männer mussten abwechselnd an die Pumpen. Das zusätzliche Gewicht des eindringenden Wassers verlangsamte die Falcon und machte eine Flucht noch schwieriger als das tosenden Unwetter. McDougal beschloss Tuch wegzunehmen. Wenn er Glück hatte, gelang es ihm heute Nacht die Liberté an sich vorbeiziehen zu lassen. Wenn sie die Nacht über weiterhin soviel Fahrt machte, könnte sie im Morgengrauen weit vor der Falcon sein und McDougal könnte sich in ihrem Rücken davon stehlen. Er ließ die Kanonen festzurren, gab den Befehl den Ausguck trotz des Sturmes im Morgengrauen zu besetzten und sorgte dafür, dass unter Deck die Pumpen in vollem Einsatz waren.

Am nächsten Morgen fiel es schwer die Dämmerung genau abzuschätzen. Der Sturm hatte weiter zugenommen und dunkle Wolken verschlechterten die Sicht. Die Wellen türmten sich zu haushohen Wellenbergen auf und mehr als einmal lief die Falcon Gefahr, dass einer der Wellenberge über ihrem Bug zusammenbrechen könnte. Im prasselnden Regen war fast nichts zu erkennen und die Sicht wurde durch den nächsten Wellenkamm begrenzt. Auf einem der Wellenkämme tauchte plötzlich die Liberté auf. Im schlechten Wetter hatte auch Bataille Tuch weggenommen und hatte sich so in der Nacht kaum von der Stelle bewegt. Die ganze Nach über mussten die Schiffe sich in Schussreichweite befunden haben, ohne, dass sie sich sehen konnten.
Die Liberté glitt träge durch die hohen Wellenkämme. Mit ihren 24 Kanonen und ihrem Bug aus massiver Eiche lag sie schwerer im Wasser, während die Falcon in jedem Wellental fast in Windstille lag, nur um auf den Wellenkämmen ihre Segel dem vollen Druck des Windes preiszugeben. Das Rigg ächzte und krachte und war mehr als einmal dem Bersten nahe, doch nur hart am Wind hatte die Falcon überhaupt eine Chance genug Fahrt aufzunehmen, um der Liberté zu entkommen. Der wieder aufkeimende Sturm machte das Segeln für beide Schiffe schwierig, doch McDougal wusste nur zu gut, was Francois Bataille mit seiner überlegenen Feuerkraft ausrichten konnte, wenn er in Schussreichweite kommen würde. Doch noch genügte Bataille sich damit hin und wieder mit den vorderen Jagdkanonen einen Probeschuss abzugeben. Durch das Wasser im Rumpf reagierte die Falcon träge und schwerfällig, die Liberté schloss immer weiter auf und begann aus ihrer oberen Batterie zu schießen. Die unter Batterie befand sich nur knapp über dem Wasserspiegel und das eindringende Wasser wäre für Bataille zu gefährlich gewesen. Aber auch nur mit einer Batterie überstieg die Feuerkraft der Liberté noch die der Falcon. McDougal ließ den Angriff erwidern und gab Befehl zum Schießen nach Ermessen. Die stürmische See tat ihren Teil, um auf den Kampf Einfluss zu nehmen. Während sich ein Schiff im Wellental befand konnte es keinen Schuss abgeben, da sich das Ziel zu hoch befand. Die Falcon glitt über einen Wellenkamm und gab 2 Salven auf die wehrlos unter ihr liegende Liberté ab, bevor sie wieder in das nächste Wellental fiel und ihrerseits beschossen wurde. Ein Schuss traf den Klüverbaum.
Die Mannschaft reagiert schnell und schlug die Taue los, bei diesem Wellengang würde der herabhängende Klüverbaum wie ein Anker wirken und die Falcon in die Tiefe ziehen. Das Fehlen der Segel machte sich sofort bemerkbar, die Falcon verlor an Fahrt und die Liberté schloss weiter auf. In wenigen Minuten wäre sie nahe genug heran, um eine volle Breitseite zu landen. McDougal konnte nicht noch mehr Tuch setzen ohne die Masten zu gefährden, also gab es nur einen Weg, die Falcon schneller zumachen; sie musste leichter werden. McDougal gab Befehl die Wasserfässer über Bord zu werfen, doch es genügte noch nicht. Er musste noch mehr Gewicht loswerden. Die Vertäuung der Kanonen wurde gelöst und mit einem gedämpften Klatschen landeten die neuen Zwölfpfünder in der tosenden See. Einen offenen Schlagabtausch würde die Falcon eh nicht überstehen und so blieb wenigstens noch die Möglichkeit, dass sie genug Fahrt aufnehmen konnte, um ihrem Verfolger zu entkommen.

McDougal stand an der Reling und sein Blick suchte im Wellenturm hinter der Falcon nach dem Verfolger. Ob Bataille die Falcon enterte oder gleich versenkte machte nicht wirklich einen Unterschied. So oder so wäre sein Leben beendet. Wenn Bataille sich dazu entschloss die Falcon zu entern, würde nur ein längerer Gefängnisaufenthalt zwischen ihm und dem Galgen stehen. Plötzlich tauchte die Liberté seitlich auf. Ihre Kanonen waren ausgerammt und bereit zum Schuss. Mündungsfeuer blitzte auf; der letzte Befreiungsschlag der Falcon, den die Liberté jeden Augenblick erwidern musste. Eine volle Breitseite könnte die angeschlagene kleine Brigg nicht mehr überstehen. Als ein ohrenbetäubender Donner sich ausbreitete schloss McDougal die Augen und wartete auf den Einschlag. Er hörte das Brechen und Bersten von Holz, Taue, die auf Deck aufschlugen und das Geschrei von Männern, doch er konnte nichts spüren. Hinter ihm brachen die Männer in lautes Geschrei aus, zögernd öffnete McDougal die Augen und ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus als er feststellte, dass es Jubelgeschrei war. Die letzte Salve der Falcon hatte die  Großrah der Liberté getroffen…ausgleichende Gerechtigkeit wie McDougal fand. Die schwere Rah war heruntergekracht und lag nun an Deck der Liberté, wo sie Menschen und Ausrüstung unter sich verbarg. Wenn Bataille nicht aufpasste und einer der Brecher die Rah erfasste, würde sich das Schiff schnell auf dem Grund des Meers wieder finden. Doch McDougal war das egal. Ein Kriegsschiff dieser Größe wäre mehr Prisengeld wert gewesen als McDougal hätte ausgeben können, aber sie verfügte immer noch über doppelt soviel Mann Besatzung wie die Falcon. McDougal beschloss sie ihrem Schicksal zu überlassen. Er hatte hier einen Achtungserfolg errungen, wenn auch nur durch viel Glück und hatte nun andere Sorgen.
Das Loch im Rumpf der Falcon war noch immer nicht gesichert und während ein Teil der Mannschaft versucht hatte die Liberté in Schach zu halten kämpfte der andere unter Deck gegen das eindringende Wasser. Von der sich entfernenden Liberté drang das Geschrei gebrüllter Befehle und wütender Flüche von Francois Bataille herüber. Den kleinen Triumph genießend ließ McDougal Kurs setzen und entfernte sich in die hereinbrechende Dunkelheit. Wenn die Liberté diesen Sturm überhaupt überstand würde sie in den nächsten Tagen damit beschäftigt sein, eine neue Großrah einzubauen…und in dieser Zeit wäre die Falcon längst über alle Berge.

In der Nacht flaute der Sturm ab und der ermüdeten Mannschaft gelang es endlich das Wasser aus dem Rumpf auszupumpen. Am Morgen meldete Whitehall nur noch einige Inch Wasser im Rumpf. McDougal gab den Befehl ein Lecksegel anzubringen, um zu verhindern, dass noch mehr Wasser eindrang . . .eine notdürftige Reparatur, bis sie im Hafen von Port Adam den Rumpf reparieren konnten. Doch dafür blieb genug Zeit. In den nun aufziehenden Herbsstürmen segelten keine Tabakhändler mehr in diesen Bereichen der Meere und nach den anstrengenden letzten Tagen hatte sich die Mannschaft einen Landurlaub verdient.

McDougal wandte sich wieder den Fenstern seiner Kajüte zu und suchte
mit den Augen den Horizont ab…nein, keine Segel in Sicht. Er dachte an
die kalte See und die dunklen Gefängniszellen, denen er noch einmal
entkommen war…Brot und Wasser…Freibeuter im Dienste Ihrer Majestät
zu sein hatte seine guten und schlechten Tage

Und an guten Tagen bestand das Frühstück aus gesalzenem Fisch.

Ende

Autor: Birgit W.aus Saarbrücken

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